1998 – Hitzewelle

© Michaele Körner, 1998

Damals wusste sie noch nicht so viel über Klimawandel. Oder über seltsame Nebenwirkungen von Hitzewallungen. Nein, nicht die Wechseljahre …. Es war ein Tag wie jeder andere …

Es war ein Tag wie jeder andere. Und doch spürte sie, dass heute etwas anders war. Sie wusste nur nicht was. Sie lehnte ihren Kopf gegen das Fenster des leeren Busses, spürte die Sonne durch ihre ge­schlossenen Augenlider und fragte sich, was heute nur mit ihr los sei. Die Gedanken ver­schwammen und sie wusste nicht mehr, ob sie Traum oder Wirklichkeit waren. Der Streit mit ihrem Chef über die neue Anzeigenserie, die Papierstapel voll unerledigter Arbeit auf ihrem Schreibtisch, die Schere, die sich verselbständigte und durch die Luft flog, die Treppe runter, in sein Büro, um langsam, langsam auf ihn zuzu­steuern. Die Scherenaugen fingen an, tierische Züge zu tragen und auch ein dia­bolisches Grinsen war mittlerweile deutlich zu erkennen. Sie wollte weglaufen, aber irgendetwas hielt sie fest und schrie auf sie ein.

Lang­sam drehte sie sich um und sah einen dicken schwarzen Ball, aus dem zwischen zwei Knöpfen ein paar Haare hervorlugten. „Hey, junge Frau, aufwachen, Sie müssen hier aussteigen. Ist das ihre Tasche? Kommen Sie schon, ich muss weiter.“ Ein nettes Grinsen in dem Gesicht ent­schärfte ein wenig den rauen Ton. Der Busfahrer reichte ihr die Tasche und ging wieder zurück zu seinem Fahrersitz. Unter seinen Achseln hatten sich auf dem dunklen Hemd bereits große Schweiß­flecken gebildet. Sie sagte ihm nicht, dass sein Hemd über dem Bauch offen war. Sie musste sich konzentrieren. Es war heiß. Viel zu heiß, um zu denken, geschweige denn zu diskutieren . „T’schuldi­gung“, murmelte sie und verließ eilig den Bus.

Eine regelrechte Hitze­welle schwappte über sie und nahm ihr im ersten Moment den Atem. Das Thermometer am Bahnhofsportal zeigte 28°C. Und dabei war es schon sechs Uhr abends. Sie fühlte, wie ein kleiner Rinnsal Schweiß in ihr Dekolleté lief, fächelte sich mit ihren Händen ein wenig heißen Wind ins Gesicht und ging entschlossen über die Straße. Langsam schlen­derte sie an den Geschäften der Fußgängerzone vorbei, ließ sich ein­fach von der Menge treiben. Irgendwie stimmte etwas nicht. Ihr Bauch rumorte, als wenn sich tausend Ameisen darin niedergelassen hätten. Die Menschen um sie herum strömten eine Schwüle aus, die ihren Ver­stand zu lähmen drohte. Sie musste sich irgendwie aus dieser Meute befreien, sich Kühle verschaffen, damit sie wieder klar denken konnte. Mit einem Ruck blieb sie stehen und achtete nicht auf die Leute, die sie beinahe umrannten.

Am Taxistand warteten zwei Wagen. Eilig lief sie auf den ersten zu und stieg ein. „Guten Tag. Engelbertstraße bitte.“ Sie schnallte sich an und schloss die Tür. Glück gehabt, ein Taxi mit Klima­anlage. Sie lächelte den Fahrer an. „Sie sind mein Lebensretter. Ohne ihre Klimaanlage wäre ich wahrscheinlich auf dem Sitz zerschmolzen. Hoffentlich ist der Sommer bald vorbei.“ Der Taxi­fahrer schaute sie von der Seite an. „Mir ist es ganz recht. Ich sitz‘ den ganzen Tag im Taxi, hab‘ es schön kühl und die Frauen zeigen ihre langen Beine. Was will ich mehr? … Und wohin wollen Sie in der Engelbertstraße?“ „Haus Nummer 214 bitte …

„Was macht das?“ Der Taxifahrer hielt vor einem bonbon­farbenen Altbau. Der Eigentümer war wahrscheinlich ein Fan von ‚Miami Vice‘. Für diese TV-Serie sollen selbst die Bordsteine rosa ange­strichen worden sein. Anders war diese Geschmacks­verirrung kaum zu erklären. Aber ihr gefiel es trotzdem. Nachdem sie den Taxi­fahrer bezahlt hatte, klingelte sie bei Strebel & Dröse. „Hoffent­lich ist Rita zu Hause“, dachte sie und wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. Sie wollte gerade ein zweites Mal klingeln, als der Summer ertönte. Langsam ging sie die zwei Treppen rauf.

„Hi, Niki. Komm rein. Ich muss mich nur schnell abtrocknen. Wieso nimmst du bei dieser Hitze eigentlich nicht den Aufzug?“ Peter ließ die Wohnungstür weit offen und hinterließ nasse Fußstapfen auf dem Teppichboden, als er mit einem roten Handtuch um die Hüften zurück ins Bad ging. Niki ging in­zwischen zum Kühlschrank und prüfte die Getränke – Cola, Bier, Saft, Wasser. „Peter, kann ich ein Bier haben?“ rief sie in Richtung Bade­zimmer, während sie schon den Flaschenöffner holte.

„Klar doch. Ist ja was ganz Neues. Seit wann trinkst du Bier am helllichten Tag?“ Mittler­weile mit Boxershorts bekleidet, tröpfelte nur noch aus den kurzen Haaren Wasser, welches langsam den braungebrannten Rücken hin­unterlief. Sie setzten sich beide an die Küchentheke. Peter hatte sich auch eine Flasche geholt und trank einen großen Schluck. Niki konnte sehen, wie sich seine Bauchdecke beim Trinken hob und senkte. „Dich habe ich ja lange nicht mehr gesehen. Was treibst du denn die ganze Zeit? Rita und ich haben uns schon gefragt, ob du jetzt auf Karriere machst oder irgendwo einen Lover versteckt hältst.“ Niki lachte zöger­lich. Sie liebte die kleinen Wortspielereien mit Ritas Freund. Aber heute war sie so schwerfällig, alles erschien ihr wie in Zeitlupe. Sie riss sich zu­sammen. „Den Lover hab‘ ich in die Garage zu den anderen ein­ge­sperrt. So läuft er mir nicht weg … aber jetzt mal ohne Quatsch. Wo ist Rita? Ich wollte mit ihr ‚was trinken gehen.  Mir ist zu heiß und ich kriege meinen Moralischen. Und überhaupt, solltest du nicht noch eine Woche in Birmingham sein?“ „Nein. Die Messe ging bis heute. War schon interessant, aber irgendwie laufen da nur Fachidioten rum. Und dieses Sabbelwasser in den Pubs ist auch nicht das Wahre. Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein und ein gepflegtes Bier trinken zu können. Hör mal, Rita ist nicht da und ich habe keine Ahnung, wann sie heute nach Hause kommt. Ich schmeiß‘ mich schnell in meine Jeans und dann können wir zwei ja los­ziehen. Okay?“ Niki nickte nur be­stäti­gend und spielte weiter mit der Schere, die auf der Theke herumlag. Sie be­obach­tete Peter, während er seine Jeans aus dem Flugkoffer holte, der noch immer mitten im Flur lag. Knackiger Hintern, braune Haare und Augen, nie um einen lockeren Spruch verlegen, hatte er einen Riesenerfolg bei den Frauen. Mit Rita war er seit zwei Jahren zu­sammen. Seit einem halben Jahr teilten sie sich auch die Wohnung. Aber seit Rita die Ab­treibung hatte, war wohl der Wurm in dieser Be­ziehung.

„Mensch Niki, du blutest ja, was hast du denn gemacht!?“ Peter schnappte sich ein Küchenhandtuch und wickelte es um ihr Handgelenk. Die Schere lag auf dem weißen Kachelboden, mitten in einem großen Blutfleck. „Ich weiß auch nicht. Irgendwie habe ich mich mit der Schere ge­stochen. Ich hab’s nicht mal gespürt. Hast du ein Pflaster?“ Niki hielt Peter den Arm hin, von dem immer noch Blut tropfte. Peter schaute sich die Wunde an. „Du hast Glück gehabt. Ein Zentimeter weiter und du hättest die Pulsadern getroffen. Ein Pflaster wird da nicht reichen. Ist wirklich alles okay mit dir?“ Niki nickte und ließ sich schweigend einen Verband anlegen. Während Peter sich zu Ende anzog,  säuberte Niki den Boden und steckte die Schere in ihre Handtasche. Was soll’s. Es war nur das schwüle Wetter schuld an ihrem Fauxpas. Ihr fiel es einfach schwer, sich in diesem stickigen Zimmer zu konzentrieren. „Weniger denken, mehr handeln“ sagte sie zu sich selbst und stimmte Peter zu, zum ‚Crazy“ zu fahren. Dort war meistens gute Musik, das Keller­gewölbe recht schattig und wenn nötig, konnte sie von dort mit dem Bus nach Hause. Vielleicht trifft sie ja auch irgend­wen. Sie war sich sicher, dass heute noch etwas Entscheidendes passieren würde.

Niki zog sich Ritas Sturzhelm über und kletterte hinter Peter auf die Honda. Sie lehnte sich an seinen Rücken und hielt sich gut fest. Peters Schnellstarts waren berühmt-berüchtigt und sie fragte sich zum sound­so­vielten Male, ob er diese nur machte, damit seine Beifahrerinnen eng an ihn ran rücken mussten. Sie hasste dieses Machogehabe. Warum war Rita ausgerechnet heute nicht da? Bei Peter fühlte sie sich öfter un­sicher. Wenn er wollte, konnte er sie um den Verstand reden. Hoffent­lich ist es im ‚Crazy‘ kühl genug. Sie schob das Visier nach oben und genoss den Wind, der ihr wenigstens etwas Frische brachte. Ihr Rock war hochge­rutscht und sie wusste, dass wohl nicht nur Peter den Sommer und die kurze Mode ge­noss, während sie beide durch die City brausten.

Ange­kommen ging sie hinter ihm die Wendeltreppe hinunter und hängte ihren Sturzhelm an den Haken unter dem Tresen. Peter be­stellte zwei Bier und zog ihr einen Barhocker heran. Niki setzte sich und schlug ihre nackten Beine übereinander. An Peters Kopf vorbei konnte sie zwei Pärchen an einem Tisch zusammen sitzen sehen. Sie lachten gerade lauthals, so dass einer der beiden Frauen der Rotwein aus dem rech­ten Mund­winkel floss und einen hässlichen Fleck auf ihrem T-Shirt hinter­ließ. Niki sah den Fleck und wusste, dass er nicht mehr rausgehen würde. Man sollte ihn besser rausschneiden. Schnell schaute sie zur anderen Seite. Dort knutschten zwei blonde Lang­haarige herum. Vermutlich war einer von ihnen ein Mann. Niki seufzte. Ihre Hoffnung auf eine Veränderung, auf die Befriedigung ihrer Ge­fühle schwand. Sie riss sich abermals zusammen und wandte sich Peter zu. „Eigentlich ganz gut, dass Rita heute nicht da ist. Ich wollte mit dir mal über sie reden. Seit der Abtreibung ist sie irgendwie nicht mehr die Alte. Ich versteh‘ das nicht. Ihr habt es doch beide gewollt. Oder etwa nicht?“ Peter schaute verlegen in sein Glas und drehte es hin und her, bevor er es leer trank. Dann be­stellte er zwei neue Biere. „Hör mal Niki. Ich weiß nicht, was sie dir alles er­zählt hat. Aber ich glaube mittlerweile, dass sie das Kind behalten wollte. Vielleicht hat sie geglaubt, dass wir dann heiraten. Ich weiß es einfach nicht. Wir reden nicht darüber. Schau, wir sind doch gerade erst zu­sammengezogen. Da kann ich doch nicht gleich Vater und womöglich noch Ehemann spielen. Ich denke, Rita glaubt jetzt nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft. Sie hat vielleicht Recht. Ich will mich noch nicht binden.“ Niki  wusste nichts darauf zu sagen. Stattdessen zupfte sie an ihrem Verband herum, es war ein wenig Blut zu sehen. Ein Kind abzutreiben und dann so zu tun, als wäre nichts gewesen, das verstand sie einfach nicht. Wenn sie in eine ähnliche Situation geraten wäre, hätte sie das Kind behalten und den Mann abge­trieben. Ob Männer jemals verstehen würden, welch ein Wunder so ein kleines Leben ist? Un­schuldig, voller Vertrauen, bereit, alles wie ein Schwamm in sich auf­zunehmen. Liebe gebend, selbst wenn sie nicht erwünscht ist. Wie muss es sein, ein Kind zu ge­bären, mit all dem Blut, den Schmerzen, um dann endlich den ersten Schrei des Lebens zu hören? Manchmal dachte sie an Männer wie an Schlangen, glitschig und nicht zu erfassen. Sie sah Peter, wie er sich in ihrem Bett räkelte und langsam über sie glitt, um ihr seine Zunge in den Mund zu schieben, damit sie sich überall für ihn öffnete.

Ein lautes Gekreische ließ sie aus ihren Gedanken auffahren. Der Busen unter dem Rotwein-Fleck am Tisch gegenüber waberte. Auch Peter stierte auf dieses Gebirge. Männer verstanden einfach nicht, dass Sex nichts mit Lust zu tun hatte sondern nur Mittel zum Zweck war. Gesteuert durch Hor­mone, die das Wunder der Fortpflanzung zum Ziel hatten. Sie sah Peter an und spürte, wie sie immer klarer sah. Langsam drangen seine Worte wieder an ihr Ohr. „Ach, Niki“ seufzte Peter. „Ich bin froh, dass du mich wenigstens verstehst. Aber Schluss jetzt mit dem Trübsal blasen. Was machen wir zwei Hübschen jetzt mit dem angebrochenen Abend.“ Während er auf Niki ein­redete, kraulte er ihr langsam und zärtlich den Nacken. „Mir ist zu heiß.“ sagte sie, stand auf, holte die Schere aus ihrer Tasche und stach auf ihn ein. Diesmal lief das Blut auf einen braunen Kachelboden. Niki bekam eine Gänsehaut und er­schauerte. Endlich schwitzte sie nicht mehr.

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