2000 – Blutstropfen, 216 Seiten

Aus Lügen,
die wir glauben,
werden Wahrheiten,
mit denen wir leben.

(Oliver Hassencamp)

© by Michaele Körner – 2000

1999

Die Bremsen quietschten. Und doch kam das röhrende Geräusch des Motors immer näher. Mark spürte die drohende Gefahr mehr, als dass er sie tatsächlich erkannte und versuchte verzweifelt, ihr auszuweichen. Doch wohin? Irgend etwas gab ihm einen gewaltigen Stoß und er verriss das Fahrrad nach links, zur Straßenseite hin.

Den Aufprall selbst merkte er kaum.

Es fühlte sich mehr an, als säße er in der Achterbahn. Wie im letzten Sommer, als ihm beim dritten Looping der Magen hochkam. Doch das Zusammentreffen mit dem staubigen Asphalt holte ihn, wenn auch nur für einen kurzen Moment, in die Wirklichkeit zurück.

Er sah schemenhaft ein Auto mit einem Kühler aus riesigen Zähnen, dann nur noch weiße Felgen, die an ihm vorbeirauschten.

War es ein rotes Auto? Oder war es Blut, was in seine Augen lief?

Sein Fahrrad war bestimmt im Eimer. Mama würde schimpfen. Was sind das nur alles für Beine um ihn herum?

Warum redete keiner mit ihm?

Warum hörte er nichts?

Warum sah er nichts?

—-

„Frau Schneider?“ Der Polizist sah die junge, schlanke Frau fragend an, die augenscheinlich gerade aus der Dusche kam und deren lange, braune Haare noch so nass waren, dass sie auf den Boden tropften. „Fährt Ihr Sohn ein gelb-schwarzes Mountain-Bike?“

Irritiert griff Christine an ihren Bademantel. Sie schloss den Gürtel immer nur mit halben Schleifen ohne extra Knoten, so dass sich dieser öfters löste. Hoffentlich dachte der Polizist nicht, dass sie jedem fremden Mann halbnackt öffnete. Ob Mark noch oben in seinem Zimmer bei den Hausaufgaben war?

„Ja. Mein Sohn hat ein Mountain-Bike. Es müsste aber eigentlich in der Garage stehen, er ist vor einer guten Stunde von der Schule gekommen. Warum fragen Sie?“ Sie wunderte sich darüber, dass der Polizist sie so ernst anschaute und hoffte, dass es nichts längerfristiges bedeutete und er schnell wieder verschwindet, damit sie sich endlich die Haare fönen konnte. Doch der Polizist wich nicht von der Stelle.

„Bitte entschuldigen Sie, Frau Schneider, aber könnten Sie nachsehen, ob Ihr Sohn tatsächlich da ist? Ein Mountain-Bike mit der Adresse Ihres Sohnes in der kleinen Werkzeugtasche wurde vor zirka dreißig Minuten in der Dommerstraße in einen Unfall verwickelt. Wir wissen nicht, wie der Junge heißt, der es gefahren hat, da er ohne Bewusstsein war, als wir am Unfallort eintrafen. Kann ich nicht vielleicht doch einen Moment hereinkommen?“

Ohne eine Antwort zu geben, drehte Christine sich alarmiert um, rannte die Treppe hoch und achtete nicht auf den sich mal wieder lösenden Gürtel. „Mark, Mark wo bist du? Bist du oben? Antworte doch!“ Mit einem drückenden Gefühl in der Magengrube lief sie den oberen Flur entlang und öffnete die Zimmertür mit dem großen, roten Zutritt-Verboten-Schild.

 

 

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