2001 – Herbstzeit

© Michaele Körner, 2001

Eine kurze Geschichte über Einsamkeit. Verlorene Träume. Gelogene Einsichten.

Sie schwebte. Das war eindeutig. Und doch fühlte sie sich hier liegen, auf seidenen Tüchern, irgendwo im Nichts. Ihre nackte Haut verschlungen mit der eines anderen, sonnen­gebräunt schimmernd, vereinzelte Hautporen goldglitzernd.

Ihr linker Arm passte sich statuengleich in die Hüfte des anderen ein, ihre langen glatten Beine schmiegten sich in die Kniekehlen der fremden Haut. Sie spürte förmlich seine Beinhaare in ihre Haut wachsen. Mit einem glücklichen Glucksen im Herzen schwebte sie tiefer, sah und fühlte gleichzeitig ihre linke Hand erheben, bis sie deutlich vor ihrem Auge stand und sich selbstverliebt drehte. Die gol­denen Blitze kamen jetzt aus fast jeder hundertsten Pore geschossen, während der andere seelenruhig weiterschlief, sein Brustkorb sich gleichmäßig hob und senkte und der Rücken unbeeindruckt von dieser Schönheit die Wirbelsäule entlang zuckte. Einen Moment nur hielt ihr Blick bei ihm, ver­suchte zu erkennen, wer er war und wurde doch abgelenkt von den Blitzen, die sich zu potenzieren schienen und wie hauchdünne Nadelstiche ein Prickeln in der Haut verursachten. Geblendet verengte sie ihre Augen zu Schlitzen, bahnte sich ihren Weg zwischen dem Lametta­funkeln des Lichts und erkannte mit einem stummen Schrei auf den Lippen mikrokleine Stückchen von Goldschimmer, die jeder einzelne Lichtstrahl mit sich nahm und ihre Haut grau und verwelkt zurückließ, bis die Adern durchschimmer­ten und in ihrem Blut pochten. Wo sie auch hinsah, überall verließ der Sonnenglanz ihren Körper und hinterließ ein Gebirge aus Adern, Muskelsträngen und Knochen. Kraftlos rutschte ihre Hand in die Hüftkuhle der jungen Haut des anderen zurück, und der Unterschied entsetzte sie so sehr, dass sie ihre Augenlider wie Gummipfropfen auf Abfluss­rohre presste, bis auch die allerkleinste Träne nicht mehr entrinnen konnte.

Mit einem leisen Aufschrei wachte sie auf und fand sich auf­recht sitzend im Bett.

Die Sonne fiel bereits von weiter oben durch ein Fenster in den Spiegel einer Kommode und ließ Staubpartikel in ihren Strahlen glitzern und in einem nur scheinbar willkürlichen Muster sich drehen und wenden.

Erschöpft von der Angst, die sie im Traum ohne fassbare Erinnerung durchlitten hatte, fiel ihr schweißgebadeter Körper zurück in die Laken. Müde rieb sie sich die Augen rot und begann mechanisch, die Decke entlang ihrer Beine mit den Füssen hinunter zu schieben. Das leise kratzende Geräusch ermahnte sie an die längst fällige Rasur, denn die schwarzen Stoppeln einfach hinter Nylons zu verstecken war ihr un­möglich. Sie hasste alles Schwarze, Dunkle, als Symbol der Vergänglichkeit und der kollektive Kleidungszwang auf Be­erdigungen nahm ihr die Luft zum Atmen.

Während sich ihre Knie gegen die schlafenden Muskeln nach oben bewegten und sich dann im Zweiertakt unter ihrem Willen beugten, plumpste die Erinnerung an die Verabredung mit ihrer alten Schulfreundin am heutigen Nachmittag wie ein schweres Stück Kuchen in ihren Magen. Früher, ja, da hatte sie die mehr oder weniger regelmäßigen Treffen genossen, die sich über die Jahre hinweg immer wieder ergaben. Eleonore war eine Gräfin von Zuffenhausen aus einem ver­armten, aber sehr wohl angesehenen Adelsgeschlecht und damit eine Persona grata. Und das, obwohl sich Eleonore nicht unbedingt standesgemäß gab, wogegen sie selbst sehr genau wusste, wie man sich im Rampenlicht zu bewegen hatte. Meist saß Eleonore schon wartend am Tisch, wenn sie ins jeweilige Café hereinschwebte, sich in einem eleganten Kostüm von Coco Chanel oder Gianni Versace präsentierte und am stummen Applaus der anderen Gäste ergötzte. Während sie dann ihre schlanken Beine mit Sicht zum ge­meinen Volk neben den Tisch drapierte, fiel ihr nachsichtiger Blick auf Eleonores meist dezent einfallslose Kleidung herab.

Ihre Beine vollführten nun einen Entspurt, um erlöst zuckend auf das Bett zu fallen und das Vibrieren der Muskeln an den Bauch weiterzugeben, als sie mit leichten Situps die tägliche Tortur fortführte. Ein Stöhnen sammelte sich hinter ihrem Gaumen und drang mit einem kurzen Puff aus dem Mund. Jeder Situp ließ ihre Bauchmuskeln erzittern, die trotz des täglichen Trainings immer mehr die Spannkraft einer reifen Avocado als die eines frischen, grünen Apfels annahmen.

Ein Mundwinkel verzog sich unter der beständigen An­spannung und in der entstandenen Tiefe flossen zwei Tropfen Speichel ab, als sie sich Eleonores Antlitz bei ihrem letzten Treffen verinnerlichte, als die Oberin eine heiße Tasse Schokolade mit einem extra Klecks Sahne servierte und sich an dem strahlenden Aufleuchten in Eleonores Augen erfreute. Insgeheim hatte sie gehofft, das Getränk würde sich aus der Tasse befreien und hitzetreibend über Eleonores helle Bluse laufen, in deren Ausschnitt eine schlichte Perlenkette den dünnen Hals betonte. Doch statt dessen hinterließ das kalorienreiche Getränk nur einen Sahnebart auf Eleonores Oberlippe, den diese unbekümmert mit ihrer langen, roten Zunge wegschleckte.

Einfach widerlich.

Verächtlich ausprustend versprühte sie einen feinen Nebel, als sie den übrig gebliebenen Schwung des letzten Situps zum Aufstehen aus ihrem riesigen Daunenbett mit den rüschenverzierten Überdecken nutzte und das Fenster öffnete. Die frische Luft tief einatmend überblickte sie ihren kurzgeschorenen Rasen und die ordentlich angepflanzten Blumenbeete gaben ihr wie gewohnt das Gefühl der Sicher­heit, dem sie ihre aufwallenden Gedanken unter­ordnen konnte. Und doch wanderte ihr Blick ungebremst über den Zaun bis zu einer Schaukel inmitten des verwil­derten Gartens, deren ungeöltes Quietschen garniert mit allzu lautem Lachen fast täglich ihre ruhegewöhnten Ohren irritierten.

Sie mochte keine Kinder, die sich ungeniert in den Vorder­grund drängten und sich selbst zum Mittelpunkt des Univer­sums erkoren. Wer gab ihnen das Recht dazu? Erkannten sie nicht die Mühen und Entbehrungen, das Taktieren und die nötige Umgangsformen, die den Platz in der Gesellschaft erst bestimmten? Wie konnten sie es wagen, mit einem Lachen im Gesicht an ihr vorbei zu laufen und die Welt in Besitz zu nehmen? Gebot ihnen denn keiner Einhalt?

Eleonore bestimmt nicht.

Viel wahrscheinlicher wird sie mit ihrer bis zum letzten Enkel auf Hochglanz gebannten Nachkommenschaft, flankiert mit den neuesten und ach so putzigen Großfamilienerlebnissen ihr Nervenkostüm zum Flattern bringen, bevor sie selbst auch nur die minimalste Chance hatte, über wirklich interes­sante Themen zu berichten. Erst letzte Woche zum Beispiel traf sie auf einer Vernissage die Frau des Vize­präsidenten einer Privatbank und genoss die Blitzlichter des Fotografen, der die High Society für die nächste Ausgabe von Gala einfing. Diese dumme Kuh glaubte tatsächlich, dass das öffentliche Interesse ihr galt. Ohne die große Mitgift ihrer Eltern wäre sie sicher nicht so weit aufgestiegen. Nicht mit diesem Gesicht, welches förmlich nach einem Visagisten-Abonnement schrie.

Mit hochgerümpften Lächeln wanderte ihr Blick über ein­gerahmte, leicht angegilbte Zeitungsausschnitte entlang der geblümten Tapete ihres Schlafzimmers und ergötzte sich an den Konterfeis der Persönlichkeiten, die erst durch ihre Begleitung zum wahren Erstrahlen kamen. Langsam in die Vergangenheit versinkend griff sie zur Lesebrille und verlor sich in den schwarz-weißen Rasterpunkten ihres eigenen Gesichts, welches makellos geschminkt mit einem vollendetem Lächeln neben unter­schiedlichen Schultern in schwarzen oder anthrazitfarbenen Jackets zu finden war. Erst das Glockengeläut zur Mittags-Messe der Kirche zwei Straßen weiter riss sie aus ihren Träumen und trieb sie ins Badezimmer. Leise plätschernd und mit Rosenduft geschwängert füllte sich die Badewanne während ihrer routinierten Körperkontrolle, bei der das Dekolleté trotz weiterer feiner Falten besser wegkam als der Muskelschwund im Gesäß. Hüpfend folgten ihre Finger den zwischen Parfüm-, Creme- und Puderflakons hin- und her­huschenden Blicken bis zu einem kleinen Massageroller, dessen alleinige Aufgabe darin bestand, über die hervorstehenden Wangenknochen, entlang der Stupsnase und den dünn gezupften Augenbrauen zu gleiten und die flachen Muskeln zu reanimieren. Ein Gedanke stoppte den Roller in der Mitte der Stirn und ließ ihn nur noch mechanisch von links nach rechts wie einen Pingpongball zwischen zwei Tischtennisschlägern bewegen.

Sie würde niemals verstehen, warum Eleonore ihre dichten, schwarzen Haare in einem kurzen Pferdeschopf im Nacken versteckte. Schließlich hatte auch sie die fünfzig längst über­schritten und war schon allein ihrer Herkunft wegen verpflichtet, der Gesellschaft und insbesondere ihren ungestümen Enke­linnen ein damenhaftes Vorbild zu liefern.

Sie tauschte den Roller gegen eine Haarbürste mit elfen­beinfarbenem Griff, durchfuhr kopfschüttelnd ihre silberhellen Haare im Takt einer inneren Stimme und erfreute sich an dem neuen Kupferton, der ihren braunen Augen schmeichelte und fotogen im Blitzlicht reflektierte. Ab dem sechsundzwanzigsten Bürstenstrich wanderten ihre Augen abschätzend an den Haaransätzen entlang auf der Suche nach verräterischem Grau bis hin zu ihrem leicht fleckigen Teint, dem der regnerisch trübe Sommer deutlich anzusehen war. Wahrscheinlich kam ihr Gesicht heute besser zur Geltung, wenn sie das MakeUp eine Nuance dunkler wählte. Schließlich kam Eleonore von einem Strandurlaub zurück. Allerdings nur aus Holland, noch dazu mit einem Sack voller Tinnitus produzierender Kinder.

Ihre Stirn warf sich in unschöne Falten, doch im Spiegel fanden sich nur ihre Augen, als die Bürste nach dem fünf­zigsten Bürstenstrich unbemerkt ihren Platz auf der mauve­farbenen Ablage wieder einnahm.

Bestimmt haben sie viel gelacht.

Bewegungslos starrten die braunen Spiegelaugen in das Zentrum der eigenen Pupillen zurück und beobachteten im verschwimmenden Randbereich die sich maskenhaft zu einem Lächeln verziehenden Mundwinkel. In der lauten Ruhe ihrer Wohnung zog sie sich immer weiter in ihr Innerstes und fühlte ein seltsames Prickeln unter der Haut. Aus der Stille ihres Herzens stieg die Erinnerung an einen seltsamen Traum und ließ sie frösteln. Die Gänsehaut krabbelte am Steißbein hoch und richtete ein Haar nach dem anderen entlang der Wirbelsäule auf, driftete auf ihrem Weg zu den Schulterblättern auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Kinn, nur um mit vereinter Kraft das letzte bisschen Farbe aus ihrem erstarrten Blick zu saugen. Sie schüttelte sich zurück in die Gegenwart, nahm ihre Badehaube und stieg in die gefüllte Badewanne. Der betörende Duft des Badeschaums beruhigte ihr verängstigtes Herz und der Kopf sank besänftigt auf das fliederfarbene Plastikkissen am Badewannenrand. Das heiße Wasser überdeckte die Kälte der aufkommenden Einsamkeit und trug alle störenden Gedanken mit dem Wasserdampf davon. Entspannt schloss sie die Augen und erlauschte durch die Räume das Quietschen der Schaukel, begleitet von kunterbuntem Kinderlachen, das in Wellen durch ihr Trommelfell bis ins Gehirn drang und ein sattsam verdrängtes Gefühl auslöste.

Eine einzelne Träne flüchtete aus ihrem rechten Auge und vereinigte sich mit dem Wasser, als sie langsam unter die Schaumgrenze sank. Jetzt hörte sie nur noch ihr eigenes Herz klopfen.

Die Kinder lachten immer noch.

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