2003 – Herzschlag

© Michaele Körner, 2003

Stolz und Vorurteil. Damals. Heute. Auch wenn sie in einem Punkt nicht Recht hatte. Aber …

Sie war schön. Sie wusste es, auch ohne die Augen zu öffnen. Langes braunes Haar, ein paar Lachfalten im Gesicht, schlanke Figur, nur der Busen war ein wenig klein. Das hatte sie jedoch noch nie gestört. Zu­mindest nicht mehr seit Überwindung der ersten Pubertätspickel.

Und ihre jeweiligen Liebhaber wussten ihn anscheinend immer zu schätzen. Vielleicht trauten sie sich auch nur nicht, etwas dagegen zu sagen. Ihr hübscher Mund konnte neben sanften Tönen auch ordentliche Spitzen verbreiten. Und dies bevorzugt in der Öffentlichkeit. Aber das gehörte zu ihr wie der Karneval nach Köln oder der Jazz nach New Orleans. Genau wie John, der gehörte auch zu New Orleans.

Unruhig warf sie ihren Kopf auf dem Kissen hin und her. John. Sie wollte nicht über ihn nachdenken. Sie wollte schlafen. Aber immer mehr drängte er sich in den Vordergrund. Sie spürte förmlich, wie er durch ihre Ge­hirnwindungen strömte, und wie sonst auch all ihre anderen Gedanken verdrängte. Er übertönte sogar das beständige Beep … Beep … Beep … Beep.

Was war das nur? Sie musste wohl den Radio-Wecker von Musik auf Ton umgestellt haben. Absolut nervtötend. Gleich nachher würde sie es ändern. Nur noch ein paar Sekunden dösen – und träumen. John. Sie erinnerte sich genau. Sie lag auf dem Rasen am Mississippi mit Blick zum French Market und lauschte mit geschlos­senen Augen der Musik. Eine achtköpfige Band spielte einen Gospel genau so, wie sie ihn immer erträumte. Die schwarze Sängerin sang mit einer tief­tönenden Stimme, wie sie nur im Süden zu finden war. Niemals könnte eine Weiße mit so einem Stimmvolumen geboren werden, niemals sich neben diesem vollklingenden Saxophon be­haupten.

Sie fühlte sich beobachtet. Unlustig blinzelte sie durch ihre Augenlider. Einen knappen Meter rechts von ihr sah sie ihn. Er lächelte ihr mitten ins Ge­sicht, als wären sie verabredet und er hätte sich nur ein wenig ver­spätet. Glatt rasierte Haut, kurze dunkle Haare, Jeans, weißes Hemd, die oberen drei Knöpfe geöffnet, Hosenträger. Seine Haut darunter wirkte auf sie wie italienischer Cappuccino, warm und dunkel. Sein Lächeln war die auf­geschäumte Milch darauf. Sie konnte nicht anders, sie lächelte zurück.

„Hi, ich heiße John. Gefällt dir unsere Musik? Wir spielen heute Abend im ‚Red Onion‘. Hast du nicht Lust zu kommen? Ich lade dich auf ein Bier ein.“ Sie konnte diesem Lächeln einfach nicht ab­sagen. Und warum auch. Sie war für eine ganze Woche auf diesem langweiligen Kongress. Und außer dem Sitzungssaal hatte sie noch nicht viel von New Orleans gesehen. Abends fiel sie meist tod­müde ins Bett. Den ganzen Tag Vorträge in Englisch über Verkehrs­wesen zu hören war äußerst anstrengend. Auch wenn sie durch ihren amerikanischen Vater praktisch zweisprachig aufgewachsen war. Er ist GI und am amerikanischen Konsulat als Security-Chef angestellt. Seit er ihre Mutter vor jetzt 26 Jahren kennengelernt hatte, war er nie wieder nach Amerika gefahren. „My heart is always with you, and both of you are in good old Germany. I don’t want to go anywhere else.“

Beep … Beep … Beep … Beep. Dieses Geräusch war unerträglich. Sie sollte es endlich abstellen. Aber sie fühlte sich schwer wie Blei. Noch ein wenig liegen bleiben und nachdenken. Woran dachte sie ge­rade? Ach ja, ihr Vater. Er hasste John von Anfang an. Als John drei Monate später nach Deutschland kam, um sie zu besuchen, war sie so stolz auf ihn. Er war ein angesehener Plattenproduzent, der sich auch für New­comer Bands stark machte. Und jetzt war er auf Promo­tion-Tour in Deutschland. Also die Chance, um ihn ihren Eltern vorzustellen. Sie arrangierte ein nettes Dinner bei ihrem Lieblings-Italiener.

Sie fröstelte als sie daran zurück dachte. Nie hatte sie ein Treffen in eisigerer Atmosphäre erlebt. Ihr Vater be­kam außer zum Essen kaum den Mund auf. Als nach dem Kaffee dieses end­los scheinende An­schweigen mit Abschiedsfloskeln überdeckt werden konnte und ihr Vater der Mutter in den Mantel half, hörte sie wie nebenbei die Satzfetzen „… nigger … busker …“ aus seinem Mund. Das in den Raum geworfene Byebye konnte sie kaum aus ihrer Erstarrung lösen. Seit­dem hatte er nie wieder mit ihr gesprochen.

Sie konnte das nicht einfach akzeptiern und wollte die beiden wichtigsten Männer in ihrem Leben irgendwie zu­sammenbringen. Sie kamen doch beide aus Amerika, einem der multikulturellsten Konti­nente dieser Erde. Also rief sie noch ein paar Mal zu Hause an. Doch ihr Vater legte einfach auf, sobald das Gespräch auf John kam. Gegen diese Mauer des Schweigens kam sie nicht an. Und sie wollte die wenige Zeit mit John nicht be­lasten, wenn er wieder für ein paar Wochen nach Deutschland kommen konnte.

Erst als sie ein Jahr später mit John die Ostküste entlang fuhr und auch einen Ab­stecher nach West-Virginia machte, fing sie an, ihren Vater ein wenig besser zu verstehen. Hier war er aufgewachsen. Wo jeder jeden kannte, wo die leeren Fabrikhallen heute noch an die plötzliche Arbeitslosigkeit nach dem Krieg und der damit verbundenen Not erinnerten. Ihr fielen die Erzählungen ihres Vaters ein, wie man zusammenrückte innerhalb der Familie, innerhalb des Freundeskreises. Wo Fremde als mögliche Arbeitsplatzkonkurrenten ausgeschlossen wurden.

Wie überall auf ihrer Reise lernte sie auch dort die Amerikaner als hilfsbereite, freund­liche und bodenständige Menschen kennen. Und sie lernte ihre vielen Kirchen kennen, die nicht nur Sonn­tags gefüllt waren. Es waren herz­liche, einfache und gebildete, jedoch sehr konserva­tive Menschen, die bei aller Freundlichkeit eine ge­mischte Ehe nicht akzeptieren wollten. Die einen Präsidenten nicht wählen konnten, weil der Vizepräsident schwarz war. Sie hatten nichts gegen Schwarze. Aber sie hatten auch nichts für sie. Solange jeder in seinem Bereich blieb, war die Welt in Ordnung. Aber niemand sollte die Riten der Vergangenheit, die immer noch gültigen Werte und Traditionen ändern. Amerika, ein Land auf der Suche nach ‚History‘, auf der Suche nach der eigenen Geschichte und einer Kultur, die doch eigentlich schon längst da war. Beinah jeder Ameri­kaner, der sie ansprach, kannte jemanden, der in Deutschland ge­dient hatte. Und jeder er­zählte von der Ordnung und den alten Städten, den sauberen Mäd­chen und den Autobahnen, der Gemüt­lichkeit und dem Bier.

Mit der Zeit mieden John und sie die kleinen Städte mit ihren Holzhäusern und den außerhalb gelegenen Malls. Sie bevorzugten einsame Wiesen und – als sie immer weiter nach Florida vordrangen – steinige Strand­plätze, an denen sie die Zeit des Sonnenunter­gangs vorbeistreichen ließen. Die schönsten Plätze fanden sie trotz aller Touristenwarnungen auf den Keys. Es war ‚off season‘ und nur vereinzelt waren Motivjäger zu finden. Dafür haufen­weise kleine Motels mit Motor­booten an den Landungsstegen. Sie liebte diese Strecke nach Key West über die vielen Brücken, immer dem Sonnenuntergang entgegen. Vorbei an Dolphin Research Centern, kunstvoll verzierten Häusern mit ab­blätternder Farbe und den Alligator-Warnschildern. Was würde nur ihr Vater sagen, wenn er erfuhr, dass sie schwanger war.

BeepBeepBeepBeepBeep. War das tatsächlich ihr Herz, was so raste oder wurde das störende Wecker-Piepen schneller? Diesmal hatten sie sich in einem anderen Restaurant verabredet. Und sie erfuhr niemals, wie ihre Mutter den Vater dazu brachte, auch zu kommen. Sie wollten nicht an die feindliche Stimmung des ersten Treffens mit den Eltern anknüpfen. Die Hoffnung auf ein Enkel­kind sollte die beiden Männer versöhnen können. John war so fürsorglich. Er ignorierte, daß ihr Vater nur Deutsch mit ihm sprach, obwohl John diese Sprache nur bruchstück­haft beherrschte. Er schenkte jedem nach, kümmerte sich um die Be­stellungen und hatte einen Strauß wunderschöner gelber Rosen für ihre Mutter besorgt. Er war wirklich unschuldig an dem Eklat, als ihr Vater ihm seinen Drink ins Gesicht schüttete und durch das ganze Restau­rant schrie, dass er diesen Bastard niemals als sein Enkelkind aner­kennen würde.

Hätte sie es verhindern können? Ihre Mutter weinte nur. Fassungslos überblickte sie diese Szene und das Ende ihrer Vergangenheit. Sie nahm Johns Hand zwischen ihre kalten Finger. „Zahle bitte und laß uns fahren, es ist alles gesagt.“ Sie nickte den Eltern zu und ging voraus. Sie wusste, dass sie ihre Eltern hiermit zum letzten Mal gesehen hatte. Die Entscheidung war endgültig gefallen.

BeepBeepBeepBeepBeep. Ihr Herzschlag ging immer schneller. Sie verfluchte den Wecker, der sie so störte. Konnte man sie nicht in Ruhe lassen? Sie kniff ihre Augen genauso fest zusammen, wie auf jener Nachhausefahrt. Sie konnte kaum etwas sehen vor Tränen und der entgegenkommende Wagen blendete sie vollkommen. John schrie noch irgend etwas. Kurz bevor sich das Auto in die Mauer bohrte und sie ihr Bewusstsein verlor, sah sie ihn blutüberströmt auf dem Beifahrer­sitz zusammen sacken. Er musste sich den Kopf an der Windschutz­scheibe angestoßen haben. Wie war das alles nur passiert? Sie fühlte sich immer leichter. „John, wo bist du? Komm mich holen. Bist du da? John …“. Beeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeep.

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