2015 – Angel Heart

© by Michaele Körner, Juni 2015

Vom Balkon der Wohnung konnte sie weit über das Messdorfer Feld hinaus blicken. Es war schon nach halb acht, die Sonne schien immer noch mit unbändiger Kraft über das blassblonde Getreide, welches sich sanft dem Wind beugte.

Wie angenehm der gleiche Wind durch ihre langen, blonden Haare strich. Sie streckte ihr Kinn etwas weiter vor und lehnte sich an die Balkonbrüstung im 8. Stock. Ihre Augen fingen beim Blick in die Sonne leicht an zu tränen. Sie schloss sie und genoss den Moment des Friedens. Sie war erst 4 Tage in der Wohnung und fühlte sich der Umgebung bereits so verbunden, dass sie beinah den alten Mann auf dem Nachbarbalkon gegrüßt hätte.

Sie wusste, dass er einen alten, fast grauen Hund mit verfilztem Fell hatte, weil sie beide heute Mittag im Aufzug getroffen hatte. Der alte Mann hatte sie heimlich angestarrt. Erst die Beine, die aus ihren Shorts lugten und dann immer weiter nach oben. Bei ihrem Kinn hörte er auf und grummelte ein Hallo durch den graustoppeligen Bart. Der Hund guckte nur auf den Boden und starrte auf ihre Füße in den Flipflops, während die dicken Speichelflecken aus dem hechelnden Maul auf dem Gummiboden des Aufzugs zerplatzten. Der Hund stank.

Sie bekam Durst und ging zurück in die Wohnung. Sie mochte den Anblick der offenen Küche und holte sich ein Glas aus der Spülmaschine hinter der Theke. Das Wasser lief sprudelnd aus dem Wasserhahn und war erfrischend kalt. Sie leerte es fast in einem Zug, spülte es anschließend sorgfältig, stellte es wieder in die Spülmaschine und reinigte die frischen Flecken im Spülbecken.

Das typische Facebook-Plopp ließ sie zu ihrem Laptop schauen. Wie freundlich er in seinem frischen Pink neben dem dunklen Grau des Festnetzrechners wirkte. Sie schnappte sich die Plastiktüte mit der angefangenen Chips-Tüte innen drin und ging zu dem weißen Ikea-Schreibtisch. Zunächst fiel ihr Blick auf die 6 Stapel aus bereits beschriebenen Notizblock-Zetteln und verinnerlichte sich kurz die Systematik. Im Uhrzeiger-Sinn deckte jeder Stapel einen Wohnungsbereich ab. Angefangen beim Schlafzimmer, dann das Bad, die Küche und das Wohnzimmer. Der 5. Stapel betraf die Fotokiste, der 6. das Bücherregal und der 7. die CD-Sammlung. Der Ringbuchblock links vom pinken Rechner trug bereits die Überschriften der Wohnbereiche und darunter mit kreisförmigen Bullets fein säuberlich abgesetzte Stichwörter, die durchgestrichen waren.  Bevor sie eine neue Seite aufschlug, überflog sie mit einem schnellen Blick die einzelnen Seiten und schüttelte leicht den Kopf. Nein, sie hatte alles bedacht. Ohne weitere Zeit zu vergeuden, schrieb sie in ordentlicher Blockschrift auf der nächste Seite weiter: 5. Fotokiste.

Der nächste Facebook-Benachrichtigungs-Plopp ertönte und sie schaute mäßig interessiert auf das Facebook-Bild von Rosa. Rosa wurde immer noch vermisst und eine ihrer Freundinnen hat eine Suchanzeige eingestellt. Der nächste, dritte, Plopp war dem 148. Gefällt-mir-Button geschuldet. Sie zuckte leicht und nur für sich mit den Schultern. Merkten die Gefällt-mir-Button-Drücker denn nicht, wie unfreiwillig komisch das war? 148 sogenannten Freunden gefällt es also, das Rosa immer noch vermisst wird? Na Bravo. Vermutlich drücken sie auch den Gefällt-mir-Button, wenn eine Todesanzeige erscheint.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihren Block und setzte einen ersten Bullet in das Kästchen unterhalb dem Wort „Fotokiste“. Die Fotokiste selbst stand zu ihren Füßen und war dem digitalen Zeitalter gemäß nicht größer als eine Kinderschuhbox Größe 28. Mit ihrem Bleistift hob sie das erste Foto mit drei unscharfen Typen samt Surfbrettern an. In der Mitte erkannte sie Thomas. Dann drehte sie das Foto geschickt um, fand aber keine Widmung auf der Rückseite. Das nächste sah schon interessanter aus. Thomas Arm in Arm mit einer älteren Frau, bestimmt seine Mutter. Auf der Rückseite diesmal eine Widmung „Alles Gute zu deinem 25. Geburtstag. Bleib gesund. Wir haben dich lieb … 27. Mai 2015. Schnell nahm sie einen neuen Notizblockzettel und schrieb 27-05-2015 sowie 27-05-1990 auf. Der erste Zettel für den Fotokiste-Stapel war geschrieben und sie suchte weiter mit ihrem Bleistift in der Kisten nach was neuem, netten. „Oh, ein Hund“ dachte sie, als das nächste Bild einen Hund zeigte, der an einem Sandstrand mit einem Stock im Mal herum sprang. „Heutzutage hat wohl jeder einen Hund.“ Sie zögerte und hielt das Foto mehr ins Licht. Ein blonder Labrador. Richtig, der saß ja mit im Auto. Wie hieß er nochmal? Nachdenklich lehnte sie sich in dem Schreibtischstuhl zurück und versuchte sich zu erinnern.

Sie hatten sich auf dem Uni-Parkplatz in Heidelberg getroffen. Lt. Mitfahrzentrale sollten insgesamt 4 Personen in dem VW Golf von Thomas fahren, aber neben Thomas saß nur ein Typ mit einem Vollbart und einem T-Shirt, das jedem sagte, dass er beim Schandmaul-Konzert 2014 war. Dem Geruch nach zu schließen, hatte er es seitdem wohl auch nicht mehr gewaschen. Er nickte nur kurz rüber und wippte weiter zu irgendeiner Musik aus seinen riesigen, weißen Over-Ear-Kopfhörern. Sie setzte sich auf den freien Vordersitz und stellte sich vor. „Hi, du bist Thomas, richtig? Ich bin Ele, danke, dass du mich mitnimmst. Ich hätte sonst echt Ärger mit meinen Eltern gekriegt.“ Sie lächelte mit ihrem rot geschminkten Mund und strahlte ihn aus ihren blauen Augen an. Sie konnte quasi fühlen, wie das Testosteron durch seinen Körper raste, während Thomas mit geübtem Blick sie komplett in Augenschein nahm. Zufrieden lächelnd nickte er ihr zu. „Schnall dich besser an. Sonst krieg ich noch Ärger mit deinem Papa.“ Er legte den Gang ein. „Und kümmer dich nicht um Matz, der ist total zugedröhnt und wird uns nicht vor Rüsselsheim stören. Was hältst du von den Beatsticks? Ich hab das neue Album runtergeladen.“ Damit drückte er auf die Playtaste seines Iphones und aus den Boxen ertönten die ersten Klänge von „Everything went black“.

Es dauerte nicht lange und Ele hörte neben der Musik ein leises Schnarchen von der Rückbank. Allerdings nicht von Matz, der weiterhin unbeeindruckt seiner Musik aus den Over-Ear-Kopfhörern nickend folgte. Irritiert schaute sie genauer hin und entdeckte einen Labrador auf dem Rücksitz, der seinen Kopf auf ein Bein von Matz abgelegt hatte und friedlich vor sich hin schnarchte. Vermutlich stank auch gar nicht das T-Shirt, sondern der Hund. Sie drehte sich wieder nach vorne. „Wem gehört denn der Hund?“ Thomas schaute gerade in den Seitenspiegel und wechselte schnell die Spur. „Das ist Bombadil. Der gehört mir. Hab ihn schon seit 8 Jahren. Ist doch okay für dich. Oder hast du eine Hundeallergie oder sowas?“ Thomas schaute Ele fragend an, aber die schüttelte langsam den Kopf. „Nein, keine Hundeallergie, aber ganz schön Respekt, ich bin schon mal gebissen worden.“ Thomas lachte, „Ne, lass mal, der steht nicht auf Blondinen. Das ist ein Labrador, wenn du dem was zu fressen gibst, macht er alles für dich.“ Zur Bestätigung griff er nach hinten und tätschelte Bombadil den Kopf.

„Bombadil … richtig, so hieß der Hund.“ Sorgfältig notierte sich Ele den Namen auf einen neuen Zettel, legte ihn auf den Fotokiste-Stapel und flippte weiter mit dem Bleistift durch die Fotos. Die meisten waren tatsächlich von Bombadil oder zeigten irgendwelche Leute auf Surfbrettern. Die waren jedoch nicht wirklich zu erkennen, da immer auf den Brettern irgendwo draußen auf dem Meer. Nur auf einem Foto war ein rothaariges Mädchen vor einer Strandbar erkennbar. Sie trug ebenfalls diesen unvermeidlichen Neopren-Anzug. Ele beugte sich näher zu dem Bild und entdeckte ein Plakat am äußeren Rand. Der Schriftzug war zwar verschwommen, aber sie konnte es so grade noch entziffern: Surf DM St. Girons 2014. Also schrieb sie St. Girons auf den nächsten Zettel für den Fotokiste-Stapel.  Zufrieden lehnte sie sich zurück und ihr Blick schweifte rüber zum Bücherregal. Viele Bücher hatte Thomas nicht: Bücher übers Surfen, zerfleddert und offensichtlich schon mal nass gewesen. Herr Der Ringe Bände, Games of Thrones, jede Menge Reiseführer, die Douglas Adams Bände – erster Zettel mit der Zahl „42“ für den Bücher-Stapel – und ein paar Fachbücher über Anatomie, Physiologie und der Pschyrembel.

„Was studierst du eigentlich?“ Thomas linke Hand hing locker im Lenkrad und die rechte ruhte auf seiner Jeans. Die hell gesonnten Härchen auf seinen Armen bildeten einen schönen Kontrast zu der gebräunten Haut. „Wirtschafts- und Organisations-Psychologie. Allerdings, nicht hier.“ „Aha, wo denn dann?“ „In München, da sind die Jobs auch besser.“ Thomas schaute Ele lange an. „Aha“ Dann schüttelte er den Kopf. „Ne, also, darauf hätte ich tatsächlich nicht getippt. Du wirkst, sorry jetzt, aber echt irgendwie zu, naja, zu sanft. Medizin oder Sozialwissenschaften, okay, aber Wirtschaftspsychologie. Nachher wirst du noch ein McKenzie …“ Thomas lachte beschwichtigend als er Eles ausdruckloses Gesicht sah. „Nein, nein, schon gut. Ich glaub’s dir. Und mit Sicherheit geht es dir später mal besser als mir als Tierarzt mit zu vielen Nachtschichten.“ Ele stimmte in Thomas Lachen mit ein. „Wahrscheinlich hast du Recht, aber ich kann dich ja bestellen, falls ich mir mal einen Hund zulegen sollte.“ Bei dem Gedanken an den Hund öffnete sie leicht das Fenster. Eine frische, warme Brise strömte herein und kühlte ihre Stirn.

Die Hinweisschilder für Rüsselsheim tauchten auf. „Muss Matz hier nicht raus? Es sind nur noch 20 km bis Rüsselsheim.“ Thomas schaute auf sein Navi. „Du hast Recht. Und ich muss ihn auf dem Parkplatz vorher absetzen. Mensch, da ist der ja schon … Matz? Matz! He, Mann, du musst hier raus.“ Thomas setzte bereits den Blinker, als Matz endlich die Kopfhörer abnahm und griffbereit in den Nacken schob. „Ja, ja schon gut. Lass mich gleich hier am Anfang raus, da steht schon mein Bruder.“ Geradeaus war ein alter roter Ford Fiesta zu sehen. Matz zog einen zerknüllten 20 Euro Schein aus seiner Jeans. „Voll korrekt, dass du gefahren bist. Hier dein Geld. Man sieht sich, Mann.“ Und damit stieg er samt Rucksack aus dem Auto und Bombadil streckte sich genüsslich auf der Rückbank aus. Ele schmunzelte. Vor dem musste sie wirklich keine Angst haben. Sie drehte sich zu Thomas. „Hör mal Thomas, kannst du mich schon vor Bonn absetzen? Ich müsste eigentlich nach Gelsdorf, das ist am Kreuz Meckenheim.“ „Ja klar doch, kein Thema. Holt dich da dein Vater ab oder dein Freund?“ Ele schaute zu ihm rüber. „Nein, dort wohnt eine Freundin von mir, die hat mir ein Geschenk besorgt. Mein Vater ist gerade 50 geworden.“ Thomas schwenkte auf die Überholspur und beschleunigte. „Hmm, Gelsdorf, kenne ich die vielleicht? Ein Kumpel von mir wohnt auch da.“ „Bestimmt nicht, die ist erst vor kurzem dort hingezogen. Sie heißt Rosa.“ Thomas überlegte kurz. „Hmm, ne, kenn ich nicht. Aber der Name erinnert mich an was.  Ist da nicht ein Mädchen verschwunden, das so heißt?“ Ele schüttelte den Kopf und holte wie zur Antwort ihr Handy raus. „Nein, kann nicht sein, wir haben gestern abend noch telefoniert. Sie kommt mich gleich abholen.“ Thomas nickte nur und drehte die Musik ein wenig lauter.

Ele ging ein weiteres Mal die Buchreihe entlang und las die Buchtitel etwas aufmerksamer. Bei „Herr der Ringe“ stockte sie und versuchte, sich an die Geschichte zu erinnern. Die Orte, die Personen … Gollum natürlich. Ihr persönlich hatte Boromir am besten gefallen. Der war nicht ganz so perfekt wie die anderen Helden. Plötzlich blitzte es in ihr auf. Das war es. Bombadil. Tom Bombadil. Einer der Hobbits, wenn auch einer, den sie im Film raus geschnitten haben. Aber egal. Bombadil war ein starker Name, besonders wenn er zweimal auftauchte. Mal sehen, ob das das Passwort für Thomas Computer ist. Schnell schmiss sie den Rechner an und wartete auf die Eingabe des Passwortes. Der erste Versuch nur in Kleinbuchstaben … bombadil … BOMBADIL … Bombadil … BOMbadil … Die Sanduhr erschien und Ele hatte es offensichtlich geschafft. Zufrieden nahm sie ein paar Chips aus der Tüte und wartete auf das Startmenü. Google Browser, Google Apps, Google Mail. Wunderbar, alles da, alles angemeldet. Konzentriert las sie die ersten Emails, fand aber nichts Besonderes. Dann suchte sie nach Emails mit den Stichwörtern Mitfahrzentrale und löschte die 4 Einträge ungelesen. Jetzt das Suchwort Passwort … nichts … Passwörter … auch nichts … password … das Suchprogramm lieferte 3 Emails mit diesem Suchbegriff. Bei einem stand Sparkasse im Betreff und zeigte zusätzlich den Nummerncode der Geldkarte.

Ele strahlte wie ein Engel und freute sich, wie einfach es doch ist, wenn man nur systematisch auf die Suche ging. Entspannt aß sie die restlichen Chips auf und überlegte an einem Zeitplan. Jetzt war es zu spät, bald 10 Uhr abends, um zur Bank zu laufen. Gleich würde es richtig dunkel werden und das mochte sie nicht. Dunkelheit machte ihr Angst, schon immer oder zumindest seit sie 12 Jahre alt war und ihr Stiefvater sie jeden Abend ins Bett brachte. Aber morgen früh wäre prima.

Sie loggte sich auf der Seite der Mitfahrzentrale Bonn ein und ging in Ruhe die Angebote nach München durch. Auf der dritten Seite fand sie ihn. René, 2 Leute bisher, Ford Focus, morgen acht Uhr Bonn Duisdorf Fußgängerzone, Nichtraucher gewünscht. Zeitlich passte das perfekt in Eles Plan, da in der Fußgängerzone auch ein Bankomat war, den sie auf dem heutigen Spaziergang gesehen hatte. Zügig tippte sie den Namen von René und Bonn bei facebook ein und fand fast sofort sein Profil. 785 Freunde und offensichtlich überwiegend Frauen. Ele lächelte. Wieder so ein Frauenheld, wie passend.  Auf der Mitfahrzentrale-Seite gab sie die erforderlichen Daten ein, loggte sich anschließend aus und streckte sich beim Aufstehen. Die untergehende Sonne zog sie zum Balkon. Selbst in der Dämmerung konnte sie das Getreide erkennen, wie es unbeschwert von der Hitze sich im Abendwind beugte. Hinten zwischen den Feldern erkannte sie schemenhaft Menschen, die mit ihren Hunden spazieren gingen. Ob sie Bombadil wohl nochmal sah?

„Schau mal, hier kannst du schon abfahren. Wenn du dann unten links abbiegst, kommst du auf einen Firmenparkplatz, da ist jetzt aber keiner, da kannst du also parken.“ Thomas nickte, nahm den Fuß vom Gas und folgte den Eles Anweisungen. Der Firmenparkplatz lag auf einer Anhöhe. An der höchsten Stelle sah man eine Wiese und dichtes Gestrüpp. Thomas hielt an, stieg aus und öffnete Bombadil die Türe. Dieser streckte sich zunächst und kletterte langsam vom Rücksitz und durch die Autotür. Ein kurzer Rundumblick und schon war die Wiese entdeckt, auf die er schwanzwedelnd zulief.  Thomas schmunzelte. „Lauf mal du Guter, du hast echt lang durchgehalten.“ Dann wendete er sich Ele zu. „Komm lass uns mal hinterher gehen. Ich weiß nicht, was nach der Wiese kommt, nachher erschreckt er noch jemanden. Wo ist denn deine Freundin? Kommt die dich nicht holen?“ „Doch, ich hab sie schon angesimst. Am Ende ist übrigens ein total schöner Bachlauf. Allerdings ziemlich tief, kann dein Hund sowas runter fallen?“ Fragend schaute sie Thomas an und ging mit ihm weiter hinter dem Hund her, der genau in diesem Moment außer Sichtweite geriet und kurz aufjaulte. Thomas hechtete los. „Mensch, was ist das denn“ rief er zu Ele, die hinterher gerannt kam. „Scheiße nochmal, das ist eine Brücke. Bombadil, wo bist du?“ Entsetzt rannte er das Schutzgeländer entlang und beugte sich weit über. Unten war nur ein einsamer Bachlauf mit etwas Wasser und einigen Felsbrocken zu sehen. Kein Bombadil. „Ele, hilf mir, wo geht es hier runter, ich muss gucken, ob Bombadil da runter gefallen ist.“ Ele nickte und zögerte nur kurz, als sie Thoams verzweifeltes Gesicht sah. Doch dann zog sie mit geübten Griff das Pfefferspray aus der Hose und sprühte es ohne weiteres Zögern Thomas voll ins Gesicht. Der konnte nur noch aufschreien und mit beiden Händen versuchen, die Augen zu schützen. Dabei stieß er gegen das Geländer. Ele musste gar nicht viel nachhelfen, damit er über das niedrige Geländer kippte. Bereits am Geräusch des Aufpralls erkannte sie, dass er auf den Kopf gefallen war. Kein Schmerzensschrei. Nur Stille. Bis auf das Vogelgezwitscher und das Hecheln von Bombadil hinter ihr.

Ele hatte alles gepackt. Die Chips-Tüte, Notizzettel, Ringbuchblock, 7 unterschiedliche Bankkarten. Die Türgriffe, die Schreibtischoberfläche samt den Schubladen sowie das Balkongeländer waren geputzt und der Lappen ebenfalls in der Tüte. Einen Impuls folgend, öffnete sie den Browser von Thomas Rechner und rief facebook auf. Die automatische Anmeldung war noch aktiviert und als erstes sprang ihr die rote 128 entgegen, so viele Postings hatte er wohl verpasst oder ignoriert. Neugierig ging sie die ersten Postings durch und blieb bei dem Bild einer brünetten, strahlend lächelnden Frau hängen. Ihr Name war Rosa. Man hatte sie in der Wahner Heide gefunden und ein Verbrechen war nicht auszuschließen. Sie drückte den Gefällt-mir-Button, schloss alle Programme und löschte den Browserverlauf. Dann fuhr sie den Rechner herunter und setzte sich auf die Couch. Sie hatte noch ein paar Stunden Zeit und wollte sich ausruhen. Kurz bevor sie einschlief, sah sie sich nochmals um. Zumindest würde sie die Wohnung morgen früh sauber verlassen.

Ende

 

 

 

 

 

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