Am achten Tag*

© by Michaele Körner, März 2016

Wie ging der Spruch nochmal? Ich weiß es nicht mehr. Außerdem ist heute der dritte Tag und morgen der vierte. Demnach war gestern der zweite und doch muss ich immer an den ersten denken, während ich dir beim Schlafen zuschaue.

Ist es wirklich schon 20 Jahre her, dass du deutlich kleiner und ohne Bartstoppeln unter meiner Aufsicht geschlafen hast? Die Augenlider leicht geschwollen mit Wimpern so lang, dass ich mich fragte, welches Mädel dem widerstehen könnte. Heute weiß ich, dass es einige nicht geschafft haben.

Werden wir jemals erfahren, was du am ersten Tag vergessen hattest? Und was wäre passiert, wenn du nicht zurück gefahren wärst? Nichts? Oder wäre ein anderes Auto um die Ecke gekommen, hätte dich von der Straße geblendet und in einen Wirbel aus Blech, Bäumen und Straßenbelag geschleudert? Was wäre wenn, ja wenn…

Dieses Was-wäre-wenn-Gedankenspiel hat mir noch nie gefallen. Schon als Kind wurde ich wütend, wenn ich mir über Sachen Gedanken machen sollte, die nicht geschehen werden. Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär und du in deinem eigenen Bett mit Augenlidern, die nicht gegen das grelle Licht der Intensivstation ankämpfen mussten. Wenn sie denn wollten.

Tun sie aber nicht.

Der Anruf kam am ersten Tag, wenn auch erst Stunden später. Der Anruf, vor dem man sich immer fürchtet und der sich doch harmlos anhört. Harmlos, weil es nur eine Gehirnerschütterung und Rückenschmerzen sind. Harmlos, weil alles andere keine Option ist. Alles wird gut, geh‘ schlafen, morgen ist Zeit genug für mehr Fragen.

Nein, so ganz geglaubt habe ich es nicht, aber mitten in der Nacht ist man hilflos, kein Mensch mag übermütterliche Fragen hören. Und wer will schon an das glauben, was sonst nur den Anderen passiert, was weit weg in irgendeiner Zeitung steht.

Diesmal ist es nicht den Anderen passiert. Diesmal hat mein Telefon geklingelt, während ich zwischen den Maschinen stehe, mit dem Produktionsleiter scherze und sich die Worte immer näher durch das Handy in mein Herz schleichen. Worte aus fremden Realitäten, die ich nie in einem Satz mit dir hören wollte.

Worte wie Hirnblutung und Not-OP und dass du jung genug bist. Jung genug wofür?

Jetzt waren sie da. Jetzt, am zweiten Tag, während ich vor der Intensiv-Station stehe und warte. Ein Zustand, an den ich mich auch am dritten Tag noch nicht gewöhnt habe. Ironischerweise habe ich nur wenige Stunden vor dem Moment, als du aus der Kurve geflogen bist, mal wieder statuiert, dass ich vieles kann, nur nicht warten. Und alle haben gelacht, weil sie meine Ungeduld kennen und die Hummeln, die mich immer umtreiben.

Heute ist der dritte Tag voller Warten und ich denke zurück an den Moment vor der Tür. An die unterdrückten Panik-Attacken. An die blassen Momente, wenn wieder eine von vielen WhatsApps die Runde machte. Statusmeldungen an eine Welt, die still steht. So wie ich mit Blick nach draußen auf Bäume im Dämmerlicht morgens um halb zehn. Ob du mich gehört hast? Ich habe dich in meinen Gedanken angeschrien. So lange und so laut, bis das Echo mich in die Welt zurück geholt und seltsam ruhig gemacht hat, weil du trotz meiner Schreie ruhig geblieben bist. Vor meinem inneren Auge lagst du auf einem Bett, völlig entspannt, lächelnd und ich wusste, es gibt immer eine Chance.

Danach betrat ich die Welt voller Schläuche, blinkender Lichter, bunter Zahlen und elektrischer Geräusche. Leises Piepsen, Dauer-Piepsen, schrilles Piepsen, Handy-Piepsen. Piepsen vom Flur, aus dem Nachbar-Zimmer, aus den Geräten über deinem Kopf in dem dicken Verband mit dem Schlauch, an dessen anderem Ende Blut in einem Gefäß gesammelt wird.

Dein Blut.

Ich habe die Schläuche nicht gezählt, aber ein halbes Dutzend waren es mindestens. Die langen Wimpern kleben an deinen Augen und die Pupillen unter den geschlossenen Augenlidern haben Stecknadelkopfgröße. Deine Temperatur ist hoch, nur ein kurzes Tuch bedeckt dich und dein Brustkorb hebt sich im kalten Schweiß regelmäßig unter der luftigen Kraft des dicksten Schlauches im gleichmäßigen Rhythmus.

Deine Füße sind so kalt.

Ich schaue mir die Fotos von dem völlig zerquetschten Auto an und frage mich, wo diese Füße noch Platz hatten.

Jetzt ist der vierte Tag und die Stunden an deinem Bett vergehen wie im Flug. Warten ist relativ. Warten ohne Sinn ist lang. Warten und dich dabei atmen sehen zu können, ist nicht lang. Ich sehe deinen Blutdruck steigen, wenn geredet wird oder auch, wenn ich was vorlese. Beim letzten Kapitel bist du tiefer eingeschlafen und ich frage mich, ob du mir später verzeihen wirst, dass ich kein blutiges Fantasy-Drama sondern ein Literaturpreis-Buch gewählt habe. Ich lächle bei dem Gedanken an deinen genervten Augenaufschlag und daran, dass es kein neues Blut gibt. Weder im Buch, noch in dem Sammeltopf. Es ist so friedlich zwischen all dem Piepsen und Lichtern und es fällt mir schwer, nach Hause zu fahren.

Wie schnell man einer Routine, dem täglichen Rhythmus verfällt. Schlafen, aufwachen, aufstehen, das Krankenhaus anrufen. Darf ich kommen? Ja, kommen Sie, er ist unruhig. Ich lächele. Du bist unruhig geboren, warum sollte sich das ändern.

Die Strecke fährt sich im Schlaf, die Gedanken kreisen, der Parkplatz ist zu voll und am Straßenrand liegt Schneematsch. Der gewohnte Gang zur Intensivstation, ein „Guten Morgen“ an die eilig zwischen den Zimmern huschenden Gesichter und schon stehe ich an deinem Bett. Sehe die Zahlen, blinkenden Lichter, höre das Piepsen, alles normal, alles wie gehabt. Der Krankenpfleger kommt, die Ärzte machen ihre Runde und wir unterhalten uns. Über dich, die letzte Nacht, das Wetter, über dich. Die Luft draußen ist dämmrig und kalt, hier drin riecht es nach Desinfektionsmitteln. Ich schlage mein Buch auf und fange laut an zu lesen.

Morgen ist der sechste Tag und du sollst erwachen.

Dein Körper erwacht. Er wehrt sich gegen den Beatmungsschlauch und bäumt sich auf. Ich halte deine Hand, aber es kommt kein Druck. Dein linkes Bein stellt sich auf, die linke Hand zuckt. Rechts passiert nichts, dein Gehirn hat sie noch nicht gefunden. Dein erstes, trotziges Lebenszeichen treibt mir lauthals die Tränen in die Augen und der Krankenpfleger weist mich zurecht, dass du keinen Stress gebrauchen kannst. Ruhe ist die Devise und so soll es sein.

Irgendwann später öffnest du kurz die Augen und dein milchiger Blick mit dem dunklen Punkt in der Mitte sieht nichts. Dann wieder Ruhe. Bis zum nächsten Aufbäumen.

Draußen ist es schon lange dunkel. Morgen ist ein neuer Tag, wir haben Zeit.

Heute ist morgen und alles wartet auf dich.

In der Luft draußen schläft der Schnee und die Luft aus dem Beatmungsgerät wird reduziert. Wir wollen dich ärgern, du sollst wach werden, kämpfen, du gehörst in unsere Welt, nicht in diese Traumwelt, in der die einzige Verbindung die Monitore sind. Du atmest mit, ein bisschen zumindest, wozu anstrengen, du hast noch Wichtigeres zu tun. Deine Augen öffnen sich, heute, am siebten Tag und es ist ein wunderbarer Morgen.

Milchig, dann klar und plötzlich fokussiert.

Ich rufe dich, der Krankenpfleger ruft dich, die Ärztin auch. Du guckst mich an, fragend. Dann geht dein Blick zum Krankenpfleger und wird konzentriert. „Wissen Sie wo Sie sind? Wenn ja, blinzeln Sie.“ Du blinzelst, du konntest noch nie gut lügen. „Sie sind im Krankenhaus. Sie hatten einen Unfall.“ Du blinzelst. Dein Blick wandert zu mir, die Augenlider fallen wieder zu, du drückst meine Hand und hältst sie fest. Du schläfst wieder ein, aber der Monitor verrät dich, ganz weg bist du nicht, du willst zurück. Deine Hand drückt wieder zu und tastet sich hoch bis zu meinem Kopf, um ihn runter zu ziehen und festzuhalten. Suchst du mich? Tröstest du mich?

Verkehrte Welt.

Lachende Welt. Die frohe Botschaft macht die Runde.

Der Arzt hat uns gewarnt. Dir werden Worte fehlen. Erinnerungen. Dein Name. Du wirst Aussetzer haben, du wirst dich anders verhalten in den nächsten Wochen, in denen sich dein Gehirn an andere Umstände gewöhnen und Umwege statt der ausgetretenen Pfade finden muss. In denen sich die Drogen, die dich die letzten Tage am Schlafen gehalten habe, verflüchtigen.

Das ist der Teil, den sie in den Filmen nie zeigen. Wenn sich deine Augen von sanft in kalt verändern, weil du den Schlauch rausziehen willst, der dich am Atmen hält. Oder die Magensonde, die deine Atemwege vor dem Mageninhalt sichern muss. Wenn deine Augen dann aufgeben und sich verzweifelt schließen. Aber dann bäumst du dich wieder auf, immer wieder. Du willst selber atmen und endlich darf der Beatmungsschlauch raus und das erste Wort krächzt in meine Ohren. Und nein, ich weiß nicht mehr, welches es war. Aber ich weiß, dass sich deine rechte Hand bewegt hat. Zittrig, schwach, vielleicht nur einen Zentimeter. Aber die Kraft kommt zurück und überstimmt deine Gedanken. Du willst dich bewegen, du willst die Schläuche loswerden. Ich halte dich fest, bist du wieder verstehst, dass du das nicht darfst. Du schläfst ein und der Kreislauf beginnt von neuem wie das Erinnern von neuem beginnen muss.

Heute, am achten Tag, bist du wieder da. Du redest, mal wirr, mal nicht. Du erinnerst dich, mal nicht. Du fragst mich, warum ich nur einmal da war und ich sage, dass ich die ganze Zeit da war. Ist das dann nur einmal? Dein Bruder kommt und du statuierst mit deiner rechten Hand den üblich-coolen Gruß. Kurz danach nutzt du die andere Hand, um die Magensonde zu ziehen.

Woher nimmst du die Kraft, dich gegen meine zu wehren? Ich weiß es nicht. Wir müssen dich wieder fixieren und ich weiß nicht, ob du mir das verzeihen wirst. Es ist nur, bis du verstehst, aber deine Augen sagen das Gegenteil. Morgen halte ich dich wieder fest.

In der Nacht bist du aufgestanden. Trotz zwei gebrochener Wirbel, trotz der fast bewegungslosen rechten Seite. Du bist aufgestanden und hingefallen. Jetzt hast du vier gebrochene Wirbel und ein paar extra Tage auf der Intensivstation.

Aber du lebst und bewegst dich. Du denkst und regenerierst dich. Und gestern war der achte Tag, an dem du zu uns zurückgekommen bist.

Heute ist der neunte Tag und dein Leben beginnt aufs Neue.

Danke Welt.

 

*

Der achte Tag. Für uns aber ist ein neuer Tag angebrochen: der Tag der Auferstehung Christi. Der siebte Tag vollendet die erste Schöpfung. Am achten Tag beginnt die Neuschöpfung. So gipfelt das Schöpfungswerk im noch größeren Werk der Erlösung. Die erste Schöpfung findet ihren Sinn und Höhepunkt in der Neuschöpfung in Christus, welche die erste an Glanz übertrifft. (Quelle: Katechismus der katholischen Kirche, 349)

Die Zahl Acht symbolisiert einen Neuanfang. Der achte Tag der Woche, ist der Tag nach dem Sabbat. Da wird von Neuem gearbeitet. An diesem Wochentag ist Jesus auferstanden. Mit IHM hat Gott wiederum etwas Neues geschaffen. (Quelle: luziusschneider.com/Papers/JuedischeFeste.htm)

 

 

Foto: MS Office Clip Art

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