Die alten Neuen

© by Michaele Körner, Juli 2015

Ich weiß nicht, ob ihr die Asterix-Bände kennt.  Okay, blöde Frage, wer kennt die nicht? Ich kenne alle. Meine Kinder haben damit lesen gelernt und ich habe mal einen Freund von mir panisch aus der Dusche rennen sehen, weil er dachte, ich werde ermordet. Sorry, ich lache halt nicht in kristallklar. Kennt ihr „Das Geschenk Cäsars“? Die Szene, wo der Kneipier auf seinem Kutschbock sitzt und das Pferd grün-gelb im Gesicht schlotternd vor einem frisch geworfenen Hinkelstein steht, weil Obelix mit Idefix apportieren übt? Genau!

Also, ich neulich im Wald mit meinem stolzen Araber-Schimmel und was passiert? Nein, kein Hinkelstein warf sich vor uns hin sondern ein drahtiger, braun-gebrannter Mit-Fünfziger. Lang und mit zugegeben knackigem Po vollzog er hektisch 20 Liegestütze. Das fand mein Pferd so normal wie das Pferd den Hinkelstein bei Asterix und Obelix. Definitiv kein Vorbeikommen, bis dieses seltsame Wesen in schwarzer Sportkluft sich mit Schwung zunächst in die Hocke erhob, um dann mit locker schwingenden Armen vor uns davon zu joggen. Mein Pferd kurz vorm Herzinfarkt und, wen wundert‘s.  Wenn ich mich dank Pferd so täglich durch den Wald bewege, treffe ich leider nicht mehr regelmäßig die 19-jährigen Zwangssportler der Bundeswehr  mit strammen Waden  und kernigem Gepäck auf dem Rücken.  Eher die grau bezopften Frauen mit sehnig dünner Haut auf Knochen oder nackt frisierte Männer-Köpfe mit Bauchansatz.  Was beide Spezies gemeinsam haben, ist der obligatorische „Knopf im Ohr“ – Steiff lässt grüßen, zumindest später am Abend.

Das mit den grauen Haaren stimmt nicht immer. Mein Friseur kennt mich auch besser als meine Ärzte und schon seit einiger Zeit ist mir klar, dass Weitsichtigkeit unter Männern einen evolutionären Hintergrund hatte zu Zeiten, als es noch keine Antifaltencremes gab.

Mal ehrlich, also all ihr anderen Mit-, knapp Drunter- oder Drüber-50er. Wann habt ihr angefangen, euch jung zu hechten, springen, hiken, cremen? Nach dem ersten Bauchansatz, vor den ersten grauen Haaren oder als ihr auf den Ü-30-Parties schräg angeguckt wurdet? Auf meiner letzten Ü-30-Party habe ich übrigens den Männer-Altersdurchschnitt auf 57 geschätzt und dazu Rumtata-Musik. Kinders, ich war nach 10 Minuten wieder so was von nüchtern und so was von schnell wieder auf dem Weg nach Hause.

Das ist nämlich noch so ein Thema, was mich häufig zum …. Weinen bringt. Wieso zum Teufel oder neu-denglischer WTF, muss ich Helene Fischer, die Dauerwiederholung der 80er und Robin Williams ertragen? Oder – Vorsicht, jetzt wird es ganz schlimm – Heino mit Lederjacke und Smartphone. Ist es tatsächlich genetisch vorgegeben, dass ich mich musikalisch von 1Live über WDR2 direkt zu WDR4 und WDR5 begeben muss? Ala Monopoly und Gehen Sie direkt in das Gefängnis, gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie keine Ohrenschützer an?

Okay, zugegeben, es sind nicht wirklich Datenschutzgründe, dass ich mich von jeder Firmen- Geburtstagsliste streichen lasse und lieber auf ein Ständchen als auf eine Überstunde verzichten würde. Und ich schäme mich auch ganz selten, wenn im Autoradio Muse oder Nickelback oder FooFighters läuft und ich die Lautstärke erst nach den Fenstern hochfahre.

Aber ich besser mich und passe mich langsam an. Ich gehe zu Konzerten, bevorzugt an der frischen Luft und mit vielen aus meiner Altersklasse. Und darüber. Und darunter. Sogar teilweise mit Kindern. Die Rockaue in Bonn am letzten Wochenende zum Beispiel. Und weil im Alter das Gehör sowieso etwas nachlässt, kitzelt der Bass umso intensiver im Bauch.

In diesem Sinne, lasst die Haare welcher Farbe auch immer vor der Bassbox fliegen. Da trifft sich Jung und Alt. Heavy und Elektrik. Pop und Rock. Tatoo und Hängekleidchen. Und jeder wirkte glücklich und relaxed – bis auf die vorm Dixie-Klo natürlich. Aber man kann auch nicht alles haben.

Ende

 

Foto by Norbert Grün @ up-frequency.com

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