Eine Kerze für Mari


© by Michaele Körner, November 2015

Mari war glücklich. Ein leichter Geruch von felsigem Staub schwebte zart an ihr vorbei, fassbar nur, weil die zarten Tropfen des morgendlichen Nieselregens ihn vom Eingang her zu ihr rüber trugen. Sie nahm ihn genauso begierig auf, wie die hellen Schatten ihrer Kerzen am Ende des Raumes. Ein wohliges Gefühl durchströmte sie und manifestierte sich in ihrem Geist.

Sie wusste, heute war der Tag, an dem sie wieder eine Kerze anzünden würde.

Die Sonne war gerade erst aufgegangen und hatte noch nichts von ihrer Strahlkraft, geschweige denn von der Hitze der letzten Tage. Die Sonnenwinde waren in diesem Teil der judäischen Wüste besonders schlimm, wenn die dichte Wolkendecke den hitzebringenden Wind zum Boden wie durch ein Labyrinth auf die Erde führte, jedoch nicht wieder hinaus. Und wie schon so oft, wirbeln dann die Sonnenwinde die Erde ihrer kleinen Plantage so lange auf, bis die Samen frei lagen und bis zum Abend ausdörrten.

Doch nicht diesen Monat.

Tief sog sie den feuchten Geruch des Felsens in sich ein und ging tiefer in den Raum hinein. Die Kerzen standen auf dem Boden sternförmig zueinander, zwölf Kerzen insgesamt. Der Sommer war ein guter Sommer gewesen, denn es hatte zweimal geregnet. Die Erde lag schwer genug auf den Samen und verhinderte so deren Flucht auf dem Rücken der Sonnenwinde, nur, um woanders ihre Wurzeln zu schlagen statt bei ihr.

Der Nieselregen würde reichen, damit sie im Frühjahr der Sonne trotzen konnten.

In der Ecke stand ein Bastkörbchen, das sie fast fertig gestellt hatte. Sie hatte viele Wochen und noch mehr Kilometer durch die vertrockneten Wadis mit ihren tiefen Spuren von aufgeplatzter Erde und Kratern zurückgelegt, bis sie genügend gute Halme für das Körbchen hatte.

Auf ihrer Suche traf sie nur wenige Menschen und den meisten ging sie aus dem Weg. Sie wollte sie nicht erschrecken mit ihrer Größe und Steifheit in den Gliedern, die der Staub der letzten Jahre mit sich brachte.

Sie war anders, auch wenn die Menschen nicht verstanden warum.

In der Nähe, nicht mehr als ein halber Tag Fußmarsch entfernt, entlang eines um diese Zeit ausgetrockneten Wadi, lebte eine alte Frau mit ihrer Tochter Elisabeth und ihrem Mann Joachim, den Mari jedoch nie sah.

Die alte Frau fragte nicht, wenn Mari vorbeikam und Heilsalbe brachte, die sie aus gesammelten Kräutern mit etwas Olivenöl selber herstellte.

Fragte nicht, warum Mari ein schwarzes Tuch um den Kopf trug und ihr Gesicht halb verdeckte.

Fragte auch nicht, warum Mari immer neue Geschichten für Elisabeth und wohl auch sie selbst mitbrachte.

Sie hörte einfach zu, während sie mit dem Rücken zu Mari saß, sich mit der Heilsalbe die von Gicht gekrümmten Fingerknöchel einrieb und sprachlos den Moment der Schmerzlosigkeit genoss.

Mari erzählte von Blumen in so kräftigen Farben, dass man glauben konnte, sie würden bluten. Und von Bienen, die den Samen weitertrugen und dabei summten, weil sie satt vom Nektar glücklich waren, ihren Teil für die wunderbare Schöpfung beizutragen. Sie erzählte von Wasser in Bächen, das glasklar über genau die Steine floss, die jetzt mit Staub bedeckt das Fundament der meisten Hütten und Häuser bildeten. Mit Fischen, die ihre silbrig-glänzenden Flossen in eine blubbernde Strömung hielten, bis sie sich davon treiben ließen.

Elisabeth hörte immer schweigsam, aber gebannt zu.

Sie sprachen nie, wenn Mari da war.

Tochter und Mutter wollten keines ihrer Worte verpassen. Worte, die ihnen einen vergangenen Zauber beschrieb und doch Hoffnung gab. Anna, die Mutter, mit Blick auf die Türe und dem groben Vorhang, der die Wüstenhitze und den Sand aus der Hütte fern hielt und Elisabeth, die Maris Hand immer sehr sanft und vorsichtig hielt.

Wie einen Schmetterling, dessen Flügel zerbrechen konnte, obwohl sich Maris Hand anfühlte, als wenn kein Druck, kein Stein, kein Messer sie verletzten konnte.

Die Wärme des Kindes strömte durch Maris Hände wie ein Strom aus Energie und Maris Hände fingen an, sich zu bewegen, immer mehr und beschrieben eine Welt, die Elisabeth und Anna so nicht kannten. Mit ausladenden Gesten zeigten sie, wie hoch die Bäume in den Himmel wuchsen und sich die stolze Krone biegsam dem Wind zuneigte, mitsamt den Vögeln, die auf den Ästen dem Wind zuhörten.

Und sie erzählte von der Liebe zwischen den Menschen und wie sie sein sollte. Ohne Wut, ohne Neid, ohne Macht. Eltern, die ihre Kinder lieben und Kinder, die ihre Eltern lieben. Mann und Frau vereint in Liebe und Vertrauen.

Wie bei jedem Abschied nahm sie Annas und Elisabeths Hände in die ihre, sendete ihre Energie zurück und malte sodann den Silberfisch in den Sand als Versprechen, dass sie bald wieder kommen werde.

Meist war es schon dunkel, wenn Mari den Weg zurück in ihre Höhle ging. Der Weg wurde langsam beschwerlicher für sie, auch wenn ihr die Luft zum Atmen nicht fehlte. Nur der vorgewölbte Bauch brachte sie leicht aus dem Gleichgewicht, wenn sie des Nachts keinen festen Halt auf den sich lösenden Steinen fand. Trotzdem fühlte sie sich an diesen Tagen lebendig, wenn sie für Anna und Elisabeth ihre eigene Vergangenheit erinnern und die Zukunft aufzeigen durfte und auf dem Heimweg die Sterne zu ihr runter leuchteten.

Besonders der eine, der keiner war, und hell neben dem Mond strahlte.

Manchmal.

So wie heute.

Mit dem Gefühl von Heimat.

Auch die Höhle war eine Art Heimat, wenn auch nur in dieser Welt. In ihrem Schutz konnte Mari ihre Schleier fallen lassen, der die verlorene Haut unter dem Kinn und am Hals entlang verbarg. Sie empfand keinen Schmerz bis auf den Schmerz im Blick der Augen des Kindes. Manchmal, während des Erzählens, wanderte die kleine Hand des Kindes hinauf bis zu ihrem Kinn, verweilte dort kurz, leise vibrierend, bis sie wieder den festen Griff von Maris Händen suchte oder sich an ihrem Umhang festhielt.

Mari legte jetzt ihre eigenen Hände auf ihren Bauch, dankbar, dass ihr Körper dafür gebaut war, Leben wachsen zu lassen und Leben zu geben.

Welch ein Geschenk, welch ein Glück.

Und sie war sich ihrer Verpflichtung bewusst, die Botschaft weiterzugeben, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Damit die Menschen aus den Erfahrungen ihres Volkes lernen konnten, um sich selbst, die Liebe und die tiefe Verbindung zwischen allen und allem zu verstehen.

Im letzten Licht der untergehenden Sonne fiel ihr Blick auf die zwölf Kerzen. Neun davon mit einem schwarzen Docht und drei weitere unschuldig wie das ungeborene Kind.

Die erste Kerze, die kleinste, entzündete sie mit den Gedanken an ihre Heimat, die Lichtjahre entfernt unerreichbar und unvergessen bleiben wird.

Die zweite Kerze war für sie und die Aufgabe, für die sie geschaffen war und für die sie dieses Kind gebären würde. Und acht weitere Kerzen für die Monate, die es bereits in ihr wuchs.

Am nächsten Morgen horchte Mari wie jeden Tag in sich hinein, fühlte die Bewegung des Kindes gegen ihre Bauchdecke, tastete sich in Gedanken immer tiefer bis durch die schützende Schicht der Gebärmutter, vorbei an dem Mutterkuchen entlang der Nabelschnur und fühlte die Wärme des Fruchtwassers, die das Kind sanft umschloss und jede Bewegung in Schwingen weiterleitete bis zu ihr. So spürte sie selbst das Wimpernzucken der geschlossenen Augen und die sanfte Bewegung der Wange, während das Kind am Daumen nuckelte. Wie sich der kleine Bauch anspannte, als ein kurzer Tritt den zarten Körper im Bauch drehte, sanft aufgefangen in der schützenden Hülle von Maris Körper.

Es war ein Mädchen, Mari war sich jetzt ganz sicher und entließ ihre suchenden Gedanken wieder in die Welt.

Sie musste zu Anna.

Als Mari zwei Wochen später sich wieder auf den Weg durch das Wadi bis zu dem kleinen Häuschen machte, fand sie Anna auf dem Boden hockend und mit den Händen die Erde in einem Kreis um die staubigen Aloen umpflügen, während Elisabeth direkt anschließend die Erde wieder verschloss, jedoch nicht, ohne etwas zuvor in die dunklere Erde zu drücken. Mari blieb schweigend stehend und sah voller Freude zu. Die Sonne stand direkt hinter ihr und Anna spürte Maris Schatten genau in der Mitte des Sonnenkranzes.

Langsam stand Anna auf und grüßte Mari mit einem leichten Kopfnicken. Mari lächelte sie an „Du bist sehr regsam heute, liebe Anna, geht es dir besser?“

Statt einer Antwort trat Anna einen Schritt zur Seite und Mari erblickte eine riesige, leuchtend rote Blüte an einer der Aloen. Dann lächelte Anna Mari direkt an.

„Diese Blüte ist für dich und deiner guten Taten wegen gewachsen. Komm herein, ich habe etwas Ziegenmilch für dich aufbewahrt.“

Mari folgte ihr in die Hütte, glücklich, dass Anna zum ersten Mal zu ihr sprach.

Wie üblich setzte sich Mari auf den Teppich zu Elisabeth, die dort bereits auf den Moment wartete, indem sie ihre Hände in Maris schieben konnte, um die ihr unerklärliche Energie zu spüren und fließen zu lassen. Mari schwieg und beobachtete Anna, wie sie etwas Milch in eine Schale goss und ihr zum Trinken reichte. Dann nahm sie einen Schluck und reichte die Schale an Elisabeth weiter.

Anna setzte sich auf ihren Hocker an der Tür, diesmal mit dem Gesicht zu Mari.

„Dank deiner Heilsalbe kann ich meine Hände wieder nutzen.“ Sie machte eine kleine Pause, schaute zunächst auf ihre Hände und dann Mari fest in die Augen. „Ich weiß, du bist mir geschickt worden. Ich warte auf dich seit Elisabeths Geburt. Sag mir, was ich für dich tun darf.“

Mari nickte nur und sprach.

Mari 03In den nächsten Wochen blieb Mari in ihrer Höhle. Es war mittlerweile tiefer November und die Abende und Nächte wurden sehr kühl. Die Feuchtigkeit der Felswände beschwerten Maris Haut und ließen das feste Gewebe darunter silbrig im Schein der elf Kerzen erleuchten. Mari wusste, es war bald Zeit für die zwölfte Kerze zur Geburt ihrer Tochter.

Und für die Trennung von dieser Welt.

Das Bastkörbchen war fertig und mit einem großen, in der Sonne gebleichten Tuch gefüllt, in das sie zwölf Sterne in einem Kreis gestickt hatte. Dort sollte der Kopf ihrer Tochter ruhen und ihre Füße auf dem Abbild des Mondes. Mari nahm das Pergament an sich, auf das sie ihre Botschaft geschrieben hatte. Eine Botschaft über Liebe und Achtung, Freude und Verantwortung, Gemeinschaft und Hoffnung, Sinn und den Wert allen Lebens.

Anna würde kommen und Mari würde es Anna solange vorlesen, bis sie es wiedergeben konnte.

Sie wird ihre Tochter Maria nennen. Die ersten vier Buchstaben, M.A.R.I., wie sie selbst auch benannte wurde. Sie war die erste Generation eines Maternal Automatical Robot Incubators, erschaffen in den verdunkelten Zeiten des Untergangs. M.A.R.I., Mari, mit einem zusätzlichen A am Ende des Namens für diese wunderbare, neue Generation, die aus dem eigenen Körper heraus Leben erschaffen würde.

Sie wusste, dass Maria nur das eine Kind gebären würde. Einen Sohn. Er würde ihre Botschaft der Liebe und des Friedens an die Menschen weiter geben.


Ende

 

Foto: Norbert Grün @ up-frequency.com

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