I am a Dark Rider – oder das andere weiße Weihnacht

 © by Michis Corner, Dezember 2016

wald-lamettaLetztlich ist es wie immer, man muss sich einfach wieder trauen. Wieder deswegen, weil ich jedes Jahr zur Winterzeit vor der Frage stehe, reite ich im Dunkeln – oder gar nicht? Und wenn ich reite, laufe ich dann zu Fuß durch den Wald bis zum Pferdchen – oder (Getriebeschaden sei Dank) gar nicht? Die Entscheidung ist endlich zugunsten der Mäuse und sonstigem Getier gefallen, die unsichtbar, wenn auch nicht unhörbar, durch die Büsche rascheln und im Dunkeln wie bedrohliche Wesen wirken.

Endlich….

wird der Elefant auch in meinem Kopf zur Maus und ich stampfe hektisch mit dem letzten, bodennahen Tageslicht zum Stall, der ziemlich heimelig wirkt mit seinem generatorbetriebenen Licht, das durch die Bäume zu mir ruft: Komm schnell rein, gleich ist dunkel und die Mäuse mutieren schon wieder.

Dunkel im Wald.

Mein Pferdchen begrüßt mich freundlich schnaubend und schaltet erst auf nervös, als ich innerhalb weniger Minuten alle Matschkrusten aus dem Fell in eine riesige Staubwolke verwandle, auf den jetzt fast sauberen Rücken den Sattel werfe und mich gleich hinterher. Sein Blick schweift kurz zu seinen gemütlich kauenden Kumpels am Heutrog und dann mit gespitzten Ohren nach vorne in die dunkle Richtung weg vom geschützten Stall. Nachts sind alle Pferde grau, meines ist weißgrau und tänzelt ängstlich an dem dunkelgrauen Misthaufen vorbei. Denn eines ist klar. Ein Misthaufen ist nur tagsüber ein Misthaufen mit Mistgabeln. Nachts ist es ein Hügel, hinter dem Elefanten mit Reißzähnen auf weißgraue Pferde warten, und die Mistgabel einem angriffsbereiten Schwert gleicht.

Scary…

ist auch das erste Stück auf unserem Weg. Dunkel und der Boden nur grobkörnig sichtbar, da er sich eng durch die Bäume schlängelt, die über uns ihre Äste miteinander verknoten, als hielten sie sich zitternd an den Händen, weil auch sie sich ohne ihr schützendes Blattwerk der Nacht schutzlos ausgeliefert fühlen. Das Licht meiner Stirnlampe lässt den Weg immer mehr verschwimmen, da das Licht nicht weitgenug reicht und den mutigen Trab meines Pferdchens nicht folgen kann. Also mache ich es aus.

Aus.

Plötzlich kann ich sehen. Den hellgrau wabenden Nebel, der sich zwischen den Bäumen auf Kniehöhe kringelt, sich aber nicht auf meinen Weg verirrt, der vor mir schwarzgrau in eine Richtung weist. Ich fühle mich kurz an Avatar erinnert, als Neytiri nach dem Kampf gegen die wilden Hunde Jakes Fackel vernichtet und plötzlich auch er sehen kann. Zugegeben, das Licht der Avatar-Pflanzen hat nichts mit den Lichtschwaden an meinem Himmel zu tun, die ich der Lichtverschmutzung Bonns zu verdanken habe. Aber im Moment fühle ich einfach, dass der Wald atmet, mich mitatmen lässt. Dass Grau in vielen Schattierungen eine ganze Farbpalette ersetzen, sich Bäume vom Tageslärm erholen und es zwischen den Ästen auch im Dunkeln glitzern kann.

Glücklich…

traben wir durch den schweigenden Wald, der sich mir öffnet, mich willkommen heißt, beschützt und ein Dauerlächeln auf mein Gesicht weht. Auch wenn wir ein paar bedrohlich wirkenden, schwarzen Holzstapeln ausweichen müssen, spüre ich wie mein Pferdchen im Gleichklang mit mir sich durch den Wald atmet, ruhiger und leichtfüßiger wird. Vielleicht wollen wir gar nicht zurück, vielleicht sollten wir immer weiter reiten und uns dem Schutz des Waldes anvertrauen.

Frieden …

ist genau das, was ich im Moment fühle und bin dankbar dafür, reiten zu dürfen, keine Angst vor Krieg und Obdachlosigkeit, Hunger und Schmerz oder undenkbare Verluste haben muss. Im Dunkeln kommt uns eine schmale Gestalt joggend entgegen, nur die Umrisse erkennbar und mit der Leuchtdiode an der Stirn eher wie ein Mignon-Männchen auf mich wirkt und mich kurz zurück in die Realität holt. Die Realität eines kleinen Waldes im bevölkerungsreichsten Bundesland. Das dunkle Hallo unterhalb der Stirnlampe klingt freundlich, doch ich bin froh, als das blendende Licht weiter läuft und mein Pferdchen und ich noch einen Moment den Zauber des Waldes genießen können. Weiter vorne erkenne ich ein anderes Licht, das kommt aus dem Stall und ruft uns nach Hause. Es ist gut. Es ist Wochenende. Morgen darf ich wieder kommen und erneut Kraft tanken.

Hell…

sehe ich tagsdrauf den Wald im Licht und bin verzaubert von all den glitzernd gefrorenen Spinnweben, die wie Lametta von den dünnen Ästen hängen und auf mich wie das wahre weiße Weihnachten wirken. Vermutlich hatte Bing Crosby eher Schnee im Blick in seinem Lied von der weißen Weihnacht, aber er lebte auch nicht in der Köln-Bonner-Bucht, bei der Regen nicht in romantischen Flocken vom Himmel fällt. Die Natur wird den Klimawandel überleben, weil wir Menschen ihn nicht überleben werden. Zumindest nicht alle. Vorsichtig reite ich durch den Wald, damit ich nicht zu viel Spinnweben-Lametta auf den Boden regnen lasse. Es fehlt nicht viel, fast vermeine ich die zerbrechlichen Perlenketten an den Bäumen klingen zu hören. Der Nebel ist immer noch da, aber die ersten blauen Flecken am Himmel machen sich auf den Weg nach unten zu uns.

Esoterik…

brauche ich nicht als Erklärung, warum ich mich im Wald so gut fühle. Der Wald, die Luft, der Geruch nach Erde und das Schnauben meines Pferdchens helfen mir, mich zu entschleunigen. Sei es zu Fuß oder im schnellen Galopp. Warum nicht öfter mal im WeißenWeihnachtlichenWald laufen statt laufend im WorldWideWeb zu versinken? Traut euch. Aber macht die Stirnlampe aus, die braucht ihr nicht.

 

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