Identity

© by Michaele Körner, Oktober 2015

‚Ich liebe deine Beine, wie sie bis nach oben gehen und ich genau weiß, was da am dunklen Rand kommt. Warum zeigst du nicht mehr. Ich will mehr sehen. Zeig es mir. Ich will dass du auf mich tropfst. R.B.‘

Geschockt las Heike die Nachricht in ihrem Messenger. Welcher Perversling hat ihr denn das geschickt? Kurz ging sie ihre „Freunde“ durch, mit denen sie über facebook vernetzt war. Das konnte eigentlich nicht sein, oder etwa doch? Verunsichert legte sie ihr Buch zum Thema „Personalpolitik in mittelständischen Unternehmen zur Seite“. Sie wollte nächste Woche einen Vortrag über Verbesserungsmöglichkeiten in ihrer Firma halten und ihr Chef hatte versprochen, den auch an den Vorstand weiter zu geben. Wenn er denn gut war.

Sie schaltete ihren Laptop an und in kaum drei Sekunden war er hochgefahren. Es war ihr Arbeitsrechner, den sie eigentlich immer bei sich hatte. Was blieb ihr auch anderes übrig. Durch ihre Filialen in Boston und Shanghai kamen die Emails fast rund um die Uhr. Während sie auf den Google Browser wartete, um in ihren privaten facebook-Account gehen zu können, poppten die letzten Benachrichtigungen hoch. Es ging auf das Jahresende zu und entsprechend viele Anfragen für Schulungen gingen ein. Sie arbeitete seit acht Jahren in der Personalabteilung, seit einem Jahr als verantwortliche Leiterin und jedes Jahr das gleiche Spiel, da die Jahresbudgets-Reste verbraucht werden mussten. Sonst würde das nächste Jahres-Budget einem evtl. niedrigeren Verbrauch angepasst werden. Und das wollte keiner, schon gar nicht ein Mann. Und die Führungskräfte waren in diesem traditionellen Unternehmen die Regel und sie die Ausnahme.

Heike seufzte kurz, als sie an die halbjährlichen Treffen in Persona und via Sky dachte. Acht Männer und eine Frau. Die Frau war sie. Und sie stach auch heraus, weil sie sich weigerte, bei solchen Events in schwarz aufzutreten und ging entsprechen vorher ausgedehnt shoppen um mit etwas Extravagantem aufzutrumpfen. Alle Farben außer Bunt war ihr Credo und dank dessen konnte sie sicher sein, dass sie jeder kannte. Allerdings nur geschäftlich. Privat war sie eher introvertiert und hatte auch nur wenige Freunde und die meist auch weltweit verteilt. Mit ein Grund, warum sie sich auf facebook tummelte. Wenn auch so wenig wie möglich. Ihre facebook-Fangemeinde entsprechend gering, dreiundzwanzig ist für den durchschnittlichen facebook-Nutzer maximal ein Anfang. Konzentriert ging sie die Liste durch. Nein, da war keiner dabei, der ihr so einen Schmutz zusenden würde.

Ob sie gehackt wurde? Es wäre nicht das erste Mal, dass sie diesen Verdacht hatte. Manche Postings auf ihrer facebook-Seite verstand sie nicht. Spontan fiel ihr das Posting über den tollen, gemeinsamen Sauna-Besuch ein. Sie hasste Saunen. Wer war das nochmal? Vergessen, zu dumm. Nachgucken konnte sie auch nicht, weil sie diese seltsamen Kommentare auf ihrer Seite immer direkt gelöscht hatte. Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal ihre Privateinstellung kontrolliert, hat facebook nicht wieder was geändert? Wer konnte was auf ihrem öffentlichen Profil sehen? Mit zwei Klicks war sie bei der Ansicht, aber es waren nur zwei Postings für die Öffentlichkeit sichtbar und das auch nur,, weil sie sie selbst kommentiert hatte. Da gab es zum einen den Saisonkalender über heimisches Gemüse, der im Rahmen der Aktion „Esst Obst und Gemüse aus regionalen Läden“ geteilt wurde und noch ein Geo-Bericht über die Plastik-Verschmutzung der Weltmeere und das Deutschland auch in Punkto Verpackungsmüll Weltmeister ist. Oder zumindest Europameister. Schnell klickte sie auf den Welt-Button neben den Kommentaren und änderte ihn in einen Freunde-Button.

Sie hielt kurz inne und sah eine weitere ungelesene Nachricht in ihrem Messenger-Postfach. ‚Wieso antwortest du nicht, du bist doch sonst auch schnell bereit. R.B.‘

Ihr Kopf summte. Wer zum Teufel ist R.B.? Die Nachricht kam nicht aus ihrer Freundesliste sondern war in der „Sonstige“-Box, also von außerhalb. Das Bild des Absenders zeigte nur ein Tattoo, irgendwas Netzartiges. Sie schaute genauer hin. War das ein Spinnennetz? Sie konnte es nicht erkennen, der Ausschnitt war zu klein. Sie konnte nicht mal sehen, auf welchem Körperteil es war. Ob sie den Link mal verfolgen sollte? Und wenn sie sich damit einen Virus runterlud? Sie schüttelte den Kopf. Nein, sie würde morgen als erstes den Administrator ihrer Firma anrufen, der kann den Rechner auf Viren oder was auch immer untersuchen. Vielleicht war ihr Gefühl doch richtig, dass sie jemand gehackt hatte.

Bevor sie facebook schloss, meldete sie noch die Nachricht an facebook als Spam (als wenn die sowas verfolgen würden, aber egal) und postete kurz, dass wahrscheinlich ihr Konto gehackt wurde und dass sich alle bei ihr melden sollen, die komische oder unverständliche Mitteilungen von ihr erhalten haben. Danach sicherte sie alle privaten Dokumente auf einem USB-Stick und löschte nach und nach alle Dokumente auf dem Rechner. Zufrieden steckte sie den USB-Stick steckte in ihre Handtasche, damit sie sie zur Not griffbereit hatte. Wenn der Admin morgen den Rechner wieder frei gab, war alles gut und vielleicht löschte sie doch mal ihren facebook account. Okay, zurück zur Personalpolitik. Für die Notizen gab es ja immer noch Papier und Stift.

„So, Frau Bradin. Ich habe den Rechner komplett platt gemacht und alle Programme neu installiert. Da war zwar eine Schadsoftware drauf, aber die hat hauptsächlich ihre Office-Programme langsamer gemacht. Ist Ihnen sonst irgendwas aufgefallen?“. Der Admin mit dem struppigen, ungepflegten und zudem noch löchrigen Bart stand viel zu dicht neben ihr, als er den Laptop wieder an das Netz anschloss. Sie konnte die Kneipe riechen, in die er gestern mit Sicherheit versumpft war. Möglichst unauffällig drehte sie ihren Kopf zur Seite. Ob sie ihm von den anzüglichen Messager-Nachrichten erzählen sollte? Der nächste Atemzug blies ihr den Geruch von abgestandenem Zigarettenqualm in die Nase. Nein, besser nicht. „Naja, ich bringe Excel öfter zum Absturz, das wissen Sie ja. Danke erstmal, Herr Reuter, wenn mir was auffällt oder was nicht stimmt, kann ich mich ja wieder bei Ihnen melden, richtig? Wie lange sind Sie heute noch zu erreichen?“ fragte Heike noch mit einem Blick auf ihre Uhr. Der Mann stand auf und schaute sie ungefähr drei Sekunden zu lange an. Bevor Heike jedoch nachhaken konnte, hatte er seine Antwort gefunden. „Für Sie immer, das wissen Sie doch, Frau Bradin. Meine Handy-Nummer haben Sie ja.“ Mit einem letzten Blick, der deutlich unterhalb Heikes Gesicht ihren Körper fokussierte, ging er aus ihrem Büro und zog die Tür hinter sich zu.

Als erstes öffnete sie Outlook und stellte sich ihre Ansichten wieder so ein, wie sie das Arbeiten gewohnt war. Das gleiche direkt im Anschluss mit Excel und Power Point. Sie hasste es einfach, unnötig Zeit beim Arbeiten zu verlieren, nur weil sie die Oberfläche nicht aus dem FF beherrschte. Während ihrer Offline-Zeit waren fast fünfzig Emails eingetroffen. Unter anderem von ihrem Chef, der den Vortrag auf übermorgen vorzog, weil der Vorstand im Hause war und Interesse hatte, ihn oder besser gesagt sie, persönlich in Augenschein zu nehmen. Na wunderbar, vier Tage zu früh, das hieß dann ja wohl Nachtschicht. Mit einem Seufzer holte sie den USB-Stick und ihre Notizen aus der Handtasche und fing an, die Dokumente zurück auf den Rechner zu kopieren.

Das Handy summte kurz auf. Eine Whatsapp-Nachricht von Peter, Arbeitskollege und Ex-Liebhaber. „Heike, ich bekomme ziemlich heiße Nachrichten von dir. Wenn ich nicht wüsste, das zwischen uns alles aus ist, müsste ich jetzt kalt duschen gehen.“ Fassungslos las sie den kurzen Text zum zweiten Mal. Das hatte sie nicht geschrieben. Das war irgendjemand in ihrem Namen. Und Peter war kein facebook-Kontakt mehr, seitdem sie ihm den Laufpass gegeben hatte. „Peter, das war ich nicht, bist du sicher, dass das meine Handynummer ist?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Von deiner alten Handynummer. Wenn du das nicht warst, geh zur Polizei. Wenn du das warst, kannst du gerne heute Nacht vorbei kommen.“ „Danke und Danke Nein.“ Heike wollte es nicht glauben. Warum sie, warum jetzt und warum überhaupt schrieb einer in ihrem Namen und dann auch noch sowas? Sie hatte keine Zeit für so einen Scheiß. Entschlossen nahm sie den Blick vom Handy und schloss auch das Outlook-Fenster. Der Vortrag war wichtiger. Zur Polizei konnte sie auch heute Abend noch.

„Okay, Frau Brandin, ihre Personalien haben wir jetzt. Um festzustellen, wer da in ihrem Namen Mitteilungen schreibt, haben wir aber nicht genug Anhaltspunkte. Wenn sie bis jetzt aber nur von drei wissen, also, da warten wir erstmal noch ab. Vielleicht hat sich ja einer ihrer Bekannten nur in der Nummer vertan?“ Aufmunternd lächelte sie der Polizist an. „Sie müssen hier noch unterschreiben, damit wir Auskunft über die Anrufe auf ihr Telefon bei der Gesellschaft beantragen können. Seit der NSA Geschichte stellen sich die Telefongesellschaften ganz schön an.“ Heike unterschrieb die beiden Formulare ohne sie wirklich zu lesen und reichte sie dem Polizisten weiter. Der hieß lt. Tisch-Schild Heiko Schmitz, hatte ordentliche Geheimratsecken und nur wenig blondes Rest-Haar auf dem Kopf, dafür einen fussig-braunen Bart und wässrig-blaue Augen. Aber nicht unnett. Nur uninteressant.

Heikes Handy summte. Sie zog es aus der Tasche und fand eine neue SMS. Sie las die erste Zeile und es lief ihr kalt den Rücken runter. „Heike, du feuchtes Flittchen, wann sitzt du wieder auf mir? Los komm, ich warte. Und vergiss den Slip, der hält nur auf.“ Zitternd schob sie das Handy langsam Richtung Polizist, der sie lange anguckte. Dann nahm Kommissar Heiko Schmitz endlich den Hörer seines Diensttelefons und wählte. „Hallo Sybille, ich bin’s, ich brauche eine Abhörgenehmigung für ein Handy. Ja, Nummer und Personalien sind schon im System, den unterschriebenen Antrag scanne ich gleich ein und schicke ihn dir. Alles klar. Tschüss.“ Er legte auf wand sich wieder Heike zu, die nervös an ihren Fingernägeln knabberte. „So, Frau Brandin, das kann jetzt ein paar Tage dauern, wir melden uns bei Ihnen. Und wenn er sich wieder meldet, rufen Sie mich gleich an, hier ist meine Karte.“ Damit schob er ihr seine Visitenkarten mitsamt ihrem Handy zu. „Bis dahin empfehle ich Ihnen, alle sozialen Netze wie facebook, twitter, instagram oder was auch immer, abzumelden. Und besorgen Sie sich ein neues Handy mit einer neuen Sim-Karte.“

Als Heike aus dem Telefon-Laden an die frische Luft trat, ging es ihr wieder besser. Der nette Mann hatte ihr das neue Handy schon eingerichtet. Sie blieb vor dem Schaufenster stehen, holte Heiko Schmitz Visitenkarte heraus und simste ihm ihre neue Handy-Nummer. Beruhigt steckte sie alles wieder ein und zupfte sich im Spiegelbild des Schaufensters die Haare zurecht. Der Verkäufer starrte sie immer noch an. Schnell schaut sie weg und ging zum Parkhaus.

Zu Hause angekommen, schloss sie als Erstes ihre Wohnungstür von innen ab und ließ danach alle Jalousien herunter. Dann trennte sie die Wlan-Verbindung ihres Laptops. Ihre Mutter und ihren Chef hatte sie bereits mit ihrem neuen Handy angerufen und die neue Telefonnummer samt fadenscheiniger Ausrede von einem Waschmaschinenunglück durchgegeben. Der Rest konnte warten. Sie brauchte jetzt erstmal ein Glas Rotwein.

Während die ersten Schluck warm in ihrem Magen landete und irgendeine Musik im Radio lief, konzentrierte sie sich wieder auf den Vortrag für Morgen. Der war wichtig. Nicht nur wegen ihrer eigenen Position. Sie wollte die Geschäftsführung und den Vorstand davon überzeugen, dass die bisherige Politik mit 50/50 Zeitarbeitern und Festangestellten strategisch gefährlich war. Seit sie weltweit expandierten und das patentierte Glaslötungsverfahren für die Labortechnik exportierten, war das Interesse an deren Know-How gewachsen. Und sie wusste aus Erfahrung, wie schnell gerade in China die Facharbeiter ohne Rücksicht zur Konkurrenz wechselten, nur wegen 10 Cent mehr die Stunde. Deswegen wollte sie auch die Produktion zurück nach Deutschland verlegen. Oder zumindest in die USA, NSA hin oder her. Ihr fiel die Email von ihren Kollegen in Shanghai ein, erst heute sind wieder dreizehn Mann nicht zur Frühschicht erschienen. Heike seufzte, wer weiß, wer die abgeworben hat. Und es gab immer noch Manager in ihrem Führungskreis, die lieber kurzfristig Gewinne abschöpften als langfristig zu planen. Sie schüttete sich ein zweites Glas Rotwein ein.

Am nächsten Morgen stand sie vor dem Kleiderschrank und wusste zum ersten Mal nicht, was sie anziehen sollte. Sie fühlte sich nicht nach Farbe. Aber schwarz ging gar nicht, das wäre auffälliger als das schreiendste Rot. Sie fand sich im Spiegel und ihr Blick fiel auf die schwarze Spitzenunterwäsche. War es das, was dieser widerliche Typ in ihr sehen wollte? Wütend dachte sie an die zwei anderen Meldungen auf facebook, die sie noch gesehen hatte, bevor sie ihren Account löschte. Sie rang mit sich selbst und wechselte nach ihrem inneren Kampf die schwarze Spitzenunterwäsche gegen einen weißen Sport-BH samt passendem Panty. Okay, dann heute mal in hellgrau. Und die roten High Heels. Langsam kehrte ein Lächeln auf ihr Gesicht zurück. So ganz ohne Farbe ging ja dann auch nicht, sie hatte schließlich einen Ruf zu verteidigen.

Es war kurz vor 9 Uhr und sie hatte den Konferenzraum bereits vorbereiten lassen. Der Beamer lief und die Präsentation war aufgerufen, die Startseite mit dem rot-grauen Firmenlogo war bereits auf der Leinwand zu sehen. Sie hatte noch zehn Minuten und ging zu ihrer Assistentin, um noch in Ruhe einen Schluck Kaffee zu genießen. „Danke, Rita. Gleich geht es los, drück uns die Daumen.“ Mit einem Lächeln nahm sie die Tasse Kaffee aus Ritas Hand an und trank einen Schluck. Rita lächelte aufmunternd. „Du machst das schon. Ach, es hat ein Heiko Schmitz angerufen, du sollst dich dringend melden. Irgendwas mit deinem facebook-account? Er wollte aber nicht mehr sagen. Er hat mir seine Nummer hinterlassen.“ Heike nickte, ließ sich aber nichts anmerken. „Danke, aber ich kann ihn jetzt nicht zurück rufen. Rufst du ihn bitte für mich an und sagst ihm, dass ich nachher bei ihm vorbei komme?“ Damit straffte sich Heike und winkte durch die Glastür ihrem Chef zu, der mit den beiden Herren des Vorstandes im gegenüberliegenden Konferenz-Raum verschwand.

„Zusammenfassend kann ich also feststellen, dass eine Änderung der Personalpolitik zu 25/75-Vertragsverhältnissen die Kosten um 2,35% steigern würde, die jedoch durch einen produktiven Zeitgewinn aufgrund geringerer Einarbeitungszeiten und Ausschuss- sowie Reklamationsquoten auf 12 Monate aufgefangen werden können. Wenn Sie möchten, kann ich meine Auswertungen gerne an Ihre Controlling-Abteilung überreichen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“ Damit schaute sie in die Runde und in die neutralen Gesichter des Vorstandes. Dr. Müller nickte ihr kurz zu und brach die Stille. „Ja, Frau Brandin, dann vielen Dank für Ihre Auswertung und Ihre Zeit. Ich weiß von Herrn Frackt, dass sie viel Freizeit für ihr Anliegen investiert haben. Diesen Einsatz finden wir natürlich erfreulich. Tatsächlich sind uns die Zahlen nicht unbekannt, es ist ja nicht so, dass unsere Controlling-Abteilung nicht nach versteckten Kosten sucht. Allerdings ist deren Schlussfolgerung eine andere und wir werden beide abwägen müssen. Wir melden uns wieder bei Ihnen. Herr Frackt …“ damit wand sich Dr. Müller an Heikes Chef „bleiben Sie bitte noch, wir möchten noch was mit Ihnen bereden. Frau Brandin, Ihnen noch einen schönen Tag.“ Dr. Müller drückte ihr die Hand zum Abschied und damit war sie entlassen.

Gefasst ging Heike zurück in ihr Büro, Sabine, ihre Assistentin folgte ihr. „Und?“ Heike ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Nichts und. Gelangweilt haben sie sich, weil die dämliche Controlling-Abteilung die Zahlen schon kannte und offensichtlich zu einem anderen Ergebnis gekommen ist.“ „Und was heißt das jetzt?“ Heike wippte langsam mit ihrem Stuhl und dachte nach. „Alles und nichts. Nichts, weil ich mein Vorhaben nicht durchführen kann, die Leute in der Produktion fest anzustellen, zu qualifizieren und den Ausschuss zu reduzieren. Ich gehe jede Wette mit dir ein, dass die Produktion innerhalb der nächsten 6 Monate komplett nach Shanghai verlagert wird und die Aktionäre auch noch applaudieren.“ Sabine stiegen die Tränen in die Augen, auch ihr Mann und ihre Schwester arbeiteten hier und sie hatten alle auf Heikes Überzeugungskraft gehofft. „Jetzt warte mal ab, vielleicht überlegen sie es sich ja noch.“ Heike nickte nicht wirklich überzeugt. „Und ruf jetzt bitte diesen Heiko Schmitz an, der hat es schon wieder versucht.“ „Ja gut“ Heike nahm ihr Handy aus der Schublade und schaltete es ein. „Nimm bitte meine Präsentation und konvertier die als pdf-Datei. Dann schickst du sie an Dr. Müller, mich bitte in cc. Machst du die Tür hinter dir zu.“ Sabine nickte, nahm ihren Notizblock und verließ Heikes Büro.

Zwei SMS leuchteten auf ihrem Display. Die jüngste von Heiko Schmitz. „Bitte rufen Sie mich unter dieser Nummer zurück, ich bin ab 17 Uhr wieder zu erreichen.“ Die zweite war wohl von heute Morgen. „Leckst du mich heute?“ Wutentbrannt schmiss Heike das Handy gegen die Wand, wo es mit einem lauten Knall in zwei Teile zersprang und auf den Boden sank.

Das Telefon klingelte. Für einen Moment glaubte Heike, es wäre das Handy, aber es war das Firmentelefon auf dem Schreibtisch. An der Nummer erkannte sie ihren Chef. „Hallo Herr Frackt, ist Dr. Müller schon weg?“. Herr Frackt räusperte sich am Ende der Leitung. „Ja. Leider hat er ihrer Schlussfolgerung nicht folgen wollen. Nicht nur, weil sein Controller ihm nachweisen konnte, dass eine Produktionsverlagerung nach Shanghai auch wegen der besseren logistischen Lage sich auf Dauer rentiert. Sondern auch, weil Dr. Pieper glaubt, dass Sie die Zahlen aus einem internen Bericht kopiert haben und er will jetzt wissen, wie Sie da ran gekommen sind. Frau Brandin, können Sie mir das erklären?“ Sprachlos schaute Heike auf den dunklen Bildschirm ihres Rechners vor sich. „Bitte? Wie kommt er denn auf die Idee. Ich habe die Zahlen über Monate gesammelt und ausgewertet. Ich kann das alles an dem Verlauf auf meinem Rechner belegen. Oh.“ Sabine stockte, ihre Gedanken rasten. „Unser Administrator hat alles gelöscht, weil ich einen Virus auf meinem Rechner hatte. Herr Frackt, wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie ihn..“ Der Moment der Stille dauerte Heike zu lange, nervös trommelte sie mit den Fingernägeln auf ihren Schreibtisch. „Ich befürchte, Frau Bradin, dafür ist es bereits zu spät. Ich habe den Auftrag, Sie sofort zu beurlauben und aus dem Firmengebäude zu führen. Bitte packen Sie Ihre Sachen, ich bin in 5 Minuten da.“

Sabine legte auf und schaltete schnell den Firmenrechner ein. Sie hatte fünf Minuten, vielleicht sieben, nicht mehr. Sie trommelte weiterhin nervös mit den Fingern und ärgerte sich über den abgesplitterten roten Nagellack an ihrem Zeigefinger. Endlich öffnete sich das Eingangsfenster für den Intranet-Bereich und sie konnte ihr Passwort eingeben. Das hatten sie nicht gesperrt, so schnell denken die einfach nicht. ‚Alles Versager, die wissen doch gar nicht, was ich alles für sie getan habe.‘ Als erstes kopierte sie die Kontaktdaten aller Mitarbeiter aus dem Controlling-Bereich mitsamt deren IP-Adressen und privaten Daten aus den Personalakten auf ihren USB-Stick. Dann rief sie Heiko Schmitz an und sprach auf seine Mailbox „Mein Handy ist kaputt. Können Sie bitte bei mir vorbei kommen? Ich bin ab 17 Uhr zu Hause. Danke schön.“ Sie legte auf und steckte den USB-Stick in ihre Jacket-Tasche. Im gleichen Moment klopfte es kurz an der Tür bevor sie sich öffnete und Herr Frackt nur wenig den Blick auf eine völlig verwirrte Sabine störte.

Kommissar Schmitz war tatsächlich kurz nach 17 Uhr da und saß jetzt gegenüber Heike. Den Tee hatte er dankend abgelehnt und sich für ein Glas Fassbrause entschieden. „Frau Brandin, es sieht so aus, als wenn die Anrufe von einer Prepaid-Karte gekommen sind. Wir haben ein paar Handyshops angerufen, ob irgendetwas Ungewöhnliches in den letzten Tagen vorgekommen ist. Und tatsächlich hatten wir Glück. Der Shop hier um die Ecke. Ich bin gerade da gewesen.“ Heiko Schmitz nahm einen Schluck aus seiner Flasche und schaute Heike an. „Sagen Sie mal Frau Bradin, haben Sie eine Schwester?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Nein, ich habe keine Schwester und auch keinen Bruder, falls sie das auch noch wissen wollen. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen.“ Heiko Schmitz stellte die Flasche vorsichtig auf dem Untersetzer mit den blauen Blumen ab. „Die Sache ist die, Frau Brandin. Der Verkäufer konnte sich sehr gut an eine Frau erinnern, die diese Prepaid-Karte in der letzten Woche gekauft hatte. Einmal, weil sie ihm wohl einen ziemlich tiefen Einblick in ihren Ausschnitt gewährte. Und zum anderen, weil sie ziemlich lautstark darauf bestand, dass die Rechnung auf eine Firma im Ausland ausgestellt werden muss. Genauer gesagt, auf die Zweigstelle in Shanghai ihrer Firma. Oder noch genauer,“ und damit lehnte er sich leicht nach vorne und schaute Heike in die Augen „auf ihren Namen und sie legte auch ihren Personalausweis vor. Und lt. Seiner Aussage hat er sich das Bild in dem Ausweis sehr genau angeguckt und mit der Frau vor ihm verglichen, die da Kaugummi-kauend vor ihm stand und … bitte entschuldigen sie, aber das ist jetzt Zitat bitte … hammergeilen tiefen Ausschnitt über den Tresen schob. Und er bleibt dabei. Die Frau in seinem Laden war identisch mit der Frau auf dem Passfoto. Können Sie sich das erklären?“

Heike sprang auf und warf dabei ihr Weinglas um. Sie konnte nicht anders, sie musste schreien. Laut. Dann brach der Laut abrupt ab und Heike stand zitternd vor ihm. „Merken Sie das nicht, da hat jemand meine Identität geklaut. Das ist nicht zum ersten Mal passiert. Anfang des Jahres hatte ich schon mal so widerliche Emails bekommen und meine Assistentin und ihr Mann haben die auch gelesen, die können das bestätigen. Ich wollte nur nicht zur Polizei, ich wollte nichts mit diesem Dreck zu tun haben.“ „Das Problem ist, Frau Brandin, dass der Verkäufer sie einwandfrei auch auf einem weiteren Bild identifiziert hat, das wir auf der Internetseite ihrer Firma gefunden haben. Deswegen nochmals meine Frage: Haben Sie eine Zwillingsschwester.“ Heike schaute ihn sprachlos an. Wie konnte das sein? Ihr schwirrte der Kopf und in den Ohren summte es. „Was weiß ich, vielleicht hat sie die Tussi so geschminkt und eine Perücke aufgesetzt? Das sieht man doch jeden Tag im Fernsehen. Seien Sie doch nicht so phantasielos. Oder rufen Sie meine Mutter an, die muss es ja wohl wissen.“ Heiko Schmitz drückte Heike zurück auf die Couch. Ihr liefen die Tränen über das Gesicht. „Warum glauben Sie mir nicht?“

„Frau Bradin, es tut mir leid, aber wir haben bereits im Geburtenregister nachgeschaut. Da steht drin, dass sie eine Zwillingsschwester hatten, dass sie aber zusammen mit ihrer Mutter bereits bei der Geburt gestorben ist. Sie hieß Regina. Regina Brandin. R.B. Und Sie sind bei ihrer Großmutter aufgewachsen, bis diese Anfang des Jahres verstorben ist.“ Heike schüttelte den Kopf. „Nein, das ist alles nicht wahr. Ich verstehe das nicht, wer macht sowas denn und warum? Moment, ich weiß es.“ Aufgeregt schüttelte sie seine Hand von ihrer Schulter. „Das war bestimmt eine aus der Controlling-Abteilung, ich habe alle Kontaktdaten von denen hier, das können sie sofort kontrollieren. Auch die IP-Adressen. Ich glaube, ich weiß auch wer. Elke Hammert. Die hatte schon letzten Monat bei meiner Assistentin angerufen und wollte unbedingt meine Auswertungen haben. Das ist eine Intrige, die wollen mich loswerden, um unsere Mitarbeiter den Aktionären zum Fraß vorzuwerfen und die Dividenden nicht zu riskieren.“

Das Telefon von Heiko Schmitz klingelte. Er ließ Heike nicht aus den Augen und nahm das Gespräch an. „Ja, alles gut. Wir reden gerade. Nein, wir brauchen keine Verstärkung, aber komm du bitte hoch. Die Wohnung ist im ersten Stock.“ „Wer kommt gleich hoch?“ „Eine Kollegin von mir. Sie ist beim psychologischen Dienst und möchte sich mit Ihnen unterhalten.“ Mit diesen Worten setzte er sich zu Heike auf die Couch und schaute sie an. Sie wurde immer verzweifelter und flehte ihn an. „Warum glauben Sie mir nicht? Wieso sollte ich denn sowas Schwachsinniges machen?“ Der Polizist zögerte kurz. „Ich weiß es nicht. Deswegen möchte ich, dass Sie sich auch mit meiner Kollegin unterhalten. Ich denke, dass sie uns allen helfen kann.“ Es klingelte an der Türe und Heiko Schmitz stand auf, um sie zu öffnen. Diesen Moment nutzte Heike, schubste ihn mit aller Macht aus dem Weg, rannte in ihr Badezimmer und warf die Türe mit einem Wutschrei ins Schloss. Heiko Schmitz rappelte sich schnell wieder auf und öffnete seiner Kollegin die Tür. „Frau Bradin, hören Sie mich, geht es Ihnen gut?“ Er klopfte an die Tür und bewegte vorsichtig die Klinke. Die Tür war verschlossen.

„Frau Bradin, öffnen Sie die Türe. Bitte Ich muss sie sonst aufbrechen. Frau Bradin, kommen Sie, seien Sie vernünftig, wir können das alles zusammen aufklären.“ Er hörte eine leichte Bewegung. Noch eine. Dann rummste etwas gegen die Tür und er sprang einen Schritt zurück. „Nein, sie verwichstes Arschloch, das können wir nicht, Sie verpissen sich jetzt aus meiner Wohnung.“ Nach einem Blick des Kommissars schaltete sich die Kollegin ein. „Frau Bradin, öffnen Sie bitte die Türe, ich möchte mit Ihnen reden.“ Erneut schlug jemand von innen heftig gegen die Türe „Du blöde Schlampe, mach, dass du aus meiner Wohnung verschwindest.“ Heiko Schmitz schaltete sich wieder ein. „Frau Bradin, ich mache mir Sorgen um Sie. Bitte kommen Sie raus, ich breche sonst wirklich die Türe auf.“ Aus dem Bad kam lautes Geschepper und Geklirre. Ganz offensichtlich wurden Gegenstände durch die Luft geworfen und ein Spiegel oder etwas Ähnliches aus Glas zerbrach. „Wie könnt ihr diesem Arsch von Verkäufer nur glauben, der wollte doch nur ficken und ist sauer, dass ich ihn nicht ran gelassen habe. Ihr Männer seid doch alle gleich, du wolltest mir doch auch an die Wäsche.“ Mit diesen Worten riss Heike die Türe auf und warf sich mit einer Spiegelscherbe in der blutenden Hand auf Heiko Schmitz und rammte sie ihm in die Brust.

Der Krankenwagen traf nur drei Minuten später ein. Bettina, die Polizeipsychologin hatte ihn gerufen, nachdem sie Heike überwältigen und ihr Handschellen anlegen konnte. Heiko Schmitz hatte Glück, die Scherbe drang nicht tief genug ein sondern prallte an einer Rippe ab. Allerdings drang sie dafür umso tiefer in Heikes Hand. Auch die war mittlerweile verbunden und nach einer ersten Beruhigungsspritze lag Heike ruhig auf der Bahre. Aus ihren weit aufgerissenen Augen quollen Tränen. Bettina saß neben ihr und hielt ihr die Hand. Heike drückte sie schwach. „Können Sie bitte meine Mutter anrufen? Sie macht sich bestimmt Sorgen. Sie sorgt sich immer so, wenn ich mich verletzt habe. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger, ich weiß gar nicht warum. Rufen Sie sie an?“ Bettina lächelte sie beruhigend an. „Wir kümmern uns jetzt erstmal um Sie und Ihre verletzte Hand, Frau Bradin. Und dann reden wir miteinander, okay?“ Bettina schaute zu dem Sanitäter, der sich anschickte den Blutdruck zu messen. „Ist sie transportfähig?“ Der Sanitäter schob den Blusenärmel von Heike hoch „Ich muss noch den Blutdruck prüfen.“ Dann legte er die Manschette genau über das Tattoo. Einer dieser Traumfänger aus den indianischen Mythen leuchtete auf der weißen Haut. 135 zu 100. „Ich spritze lieber noch etwas nach.“ Heike sah in die andere Richtung und ließ alles über sich ergehen. Der Puls sank auf 90:60, als Heike endlich einschlief.

Ende

 

Foto by Betsy Koch @ www.atelier-herff.de

 

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