Orange Day

© by Michaele Körner, Dezember 2015

Wieder eine Farbe, wieder ein Tag der Aufmerksamkeit, wieder ein Tag, der vergessen wird. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Farbe zwischen Rot für die vielen Kindersoldaten (Red Hand Day) und Gelb als Solidaritätsbekundung der erwachsenen Soldaten (gelbe Schleife) gefällt. Ich bin mir allerdings sicher, dass kaum noch einer oder eine die ganzen Gedenk-Farben und Gedenk-Tage auseinanderhalten kann. Wer weiß zum Beispiel noch, was die schwarze Schleife bedeutet (Gedenken an die Opfer des Terroranschlages in Madrid)? Und warum muss ein Tag gegen die Verstümmelung von weiblichen Genitalien (6. Februar) gegen einen Tag der Jogging Hose (21. Januar) konkurrieren?

Ich habe die Aktionstage mal gezählt. Es gibt 329 Aktionstage im Jahr (Quelle Wikipedia) und diese Menge erinnert mich zum einen an unser Konsum- bzw. Nachmach-Verhalten oder an den Rattenfänger von Hameln, dem auch alle blind hinterherliefen.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte den guten Willen des Orange Days keinesfalls herabwürdigen. Dafür ist das Thema „Gewalt“ viel zu wichtig. Ein Tag der Erinnerung, der Aufmerksamkeit und hoffentlich Diskussion ist immer wichtig. 365 mal im Jahr. So wie der Tag der Kindersoldaten (12. Februar), der Tag der Kinder als Aggressionsopfer (4. Juni) oder der Tag der Gewaltlosigkeit (2. Oktober).

Als ich das erste Mal „Orange Day“ in meinem Kopf hörte, suhlten sich ähnlich lautende Begriffe wie „Agent Orange“ (Entlaubungsmittel-Einsatz in Vietnam, 2. Weltkrieg) und „Uhrwerk Orange“ (Gewalttätige Gesellschaftssatire von Stanley Kubrick) nach oben.  Was erschreckenderweise zur Thematik passt, denn etwas haben alle gemeinsam: die Gewalt gegen Schwächere. Gegen Menschen, die sich nicht wehren können oder glauben, sich nicht wehren zu dürfen.

Letzteres ist ein ganz wichtiger Punkt und ich hoffe, dass dieser Punkt bei all den farbigen Tagen und Schleifen nicht untergeht sondern ganz weit nach oben schwimmt. Die Akzeptanz der kleinen Gewalt gegen andere und auch gegen sich selbst durch Menschen, die weg schauen, wenn einem Elternteil die Hand ausrutscht. Die runterspielen, wenn der Mann in der Kneipe die Frau zu einem Häuflein Elend zusammen brüllt, die Lehrerein einem Jugendlichen vor der Klasse blamiert, der Schüler dem auserwählten Opfer im Sport-Unterricht einen Ball an den Kopf wirft und das Kind mit einem Stock auf den Hund einhaut. Ist ja alles nicht so gemeint gewesen, das härtet doch ab, er/sie/es hat es doch nicht so gemeint und überhaupt, was hab ich damit zu tun.

Die Frage, die wir uns alle stellen müssen ist, warum üben wir Gewalt gegen Schwächere aus, was meistens Frauen, Kinder, Tiere, Arbeitslose, Ausländer, Alte, Behinderte und so weiter trifft.  Wie können wir unser Selbstwertgefühl steigern oder zumindest halten, ohne dafür andere erniedrigen zu müssen? Und wer bitte hat festgelegt, dass Frauen „das schwache Geschlecht“ sind? Das muss in die Köpfe aller. Jeder hat einen Wert und leistet seinen Beitrag für die Gesellschaft. Die Frau mit ihrer Empathie als Mediatorin, das Kind mit seiner Phantasie und dem Willen Neues zu entdecken, der Alte mit seiner Weisheit und Geduld, der Arbeitslose mit Zeit für soziale Projekte oder der Hund, der einem fröhlich wedelnd täglich sein Lächeln schickt.

„Orange Day“ sollte nicht nur ein Tag gegen die Gewalt von Frauen sein. Es muss ein Tag für ein allgemeines Umdenken sein. Ein Wertschätzen unabhängig vom Ruhm und Reichtum in der Hierarchie dieser Welt. Ein Hinsehen bei Respektlosigkeit auf der Straße, der Arbeit, in der Werbung. Ein Lächeln für all die übrigen nicht nur am 1. Freitag im Oktober (Welttag des Lächelns).

Ich mag die farblose Schleife, die weiße Schleife für Toleranz. Und den Tag der Menschenrechte, der  10. Dezember.

Zu Ehren des 25. November, dem Tag gegen Gewalt gegen Frauen möchte ich noch die ersten drei Strophen eines altbekannten Liedes von Suzanna Vega zitieren, die eigentlich alles sagen, was ich weiter oben in so vielen Sätzen zu erklären versucht habe:

My name is Luka
I live on the second floor
I live upstairs from you
Yes I think you’ve seen me before
If you hear something late at night
Some kind of trouble, some kind of fight
Just don’t ask me what it was

I think it’s because I’m clumsy
I try not to talk too loud
Maybe it’s because I’m crazy
I try not to act too proud
They only hit until you cry
And after that you don’t ask why
You just don’t argue anymore

Yes I think I’m okay
I walked into the door again
Well, if you ask that’s what I’ll say
And it’s not your business anyway
I guess I’d like to be alone
With nothing broken, nothing thrown
Just don’t ask me how I am

In diesem Sinne, achtet aufeinander.

Eure

Michis Corner

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