Sind die olympischen Spiele noch zu retten?

© by Michis Corner, August 2016
  • olympiaRobert Harting: „Ich schäme mich für ihn (Thomas Bach)“
  • Camille Lacourt : „Sun Yang pinkelt lila“
  • Julia Jefimowa vergleicht Dopingsperren mit Knöllchen für zu Schnell fahren.
  • Julius Brink: Da spielt die Nationalität keine Rolle … Für mich gehören Dopingsünder lebenslang gesperrt.

Dies sind nur ein paar der Zitate, die innerhalb weniger Stunden für Aufruhr sorgten. Und ein Nichts im Vergleich zu den Diskussionen und Ereignissen vor den Olympischen Spielen.

Statt unnachgiebiger Härte gegen staatlich organisierte oder von Kontrollgremien bewusst übersehenen Dopingsünden, hört man plötzlich Kommentare wie „Es gilt die Unschuldsvermutung“ (IOC Chef Thomas Bach), „Wir sind doch alle eine Familie“ (italienischer IOC Funktionär), „Wir gehen gegen alle Dopingsünder vor“ (Wladimir Putin).

Die Zuschauerbänke der Sportstätten scheinen fast frei von Zuschauer, da sich der normale Brasilianer die Eintrittskarten nicht leisten kann. Ganz zu schweigen von Räumungsaktionen und Geldverschwendungen für ein Olympiagelände, dessen Nutzwert und Nachhaltigkeit mehr als fraglich ist.

Die Abkürzung IOC verursacht genauso wie die von FIFA Übelkeit. Sepp Blatter, der sich weiterhin als Gutmensch präsentiert und Thomas Bach, dem politische Freundschaft über die Gesundheit von Athleten geht, sind ebenfalls keine Werbung für die ehemals so hehre, olympische Idee.

Wie war die gleich nochmal?

Auch wenn ich es gar nicht wollte, bei dieser Frage tauchen zuerst in Stein gehauene Abbildungen von Sportlern aus dem frühen Athen vor meinem geistigen Auge auf. Athletische, elegant verbogene Körper mit Siegerkränzen auf dem Kopf. Oder die allseits bekannten Schwarz-Weiß-Aufnahmen 1936, als Hitler Robotergleich seine Sportler marschieren ließ, vom blonden Arier träumte und Jesse Owens die Hand verweigerte.

Olympia ist zum Showroom für alternde Funktionäre verkommen, die mit Siegerkränzen aus Prunk, Lug und Trug die Außenwelt blenden und die Innenwelt zum Schweigen bringen wollen. Damit rasen sie ungebremst Richtung Olympia-Aus.

Ist das tatsächlich so?

Versuchen wir doch mal, ein paar andere Dinge zu sehen. Die vielbeschworene, andere Seite der Medaille.

Sportler, die sich über Jahre einem Training verschreiben, das nicht nur den  Verlust der Freizeit sondern „on top“ die Kontrolle über den eigenen Körper gleich mit abgibt.

Wer weiß, was das bedeutet oder hat zumindest einmal drüber nachgedacht? Falls nicht, jetzt wäre der Moment da. Denkt mal zurück an die eigene Jugend. Was waren da die Highlights? Mit Sicherheit nicht die Brokkoli von Mama oder die Schulnoten in Mathe. Wahrscheinlich eher durchtanzte Nächte,  auch mal zu viel Alkohol an dem einen und zu viel Schokolade an dem anderen Wochenende.  Rauchexzesse, sei es Nikotin oder anderes, halb verschlafene Sonntage und Tinnitus-fördernde Clubs. Falls ihr gerade an irgendeiner Stelle mit einem inneren Lächeln Ja gedacht habt, seid ihr vermutlich kein Leistungssportler gewesen. Zumindest keiner mit dem olympischen Traum.

Denn seltsamerweise ist Olympia für die meisten Sportler ein Traum. Warum nur, wenn ich an die Berichte nicht nur vor dieser sondern auch vor früheren und wohl auch vor zukünftigen Olympiaden denke? Platzt die olympische Idee wie die europäische Idee?

Robert Harting hat gesagt, er schämt sich für Thomas Bach. Ich schäme mich übrigens auch. Nicht nur für Thomas Bach. Auch, dass ich vielleicht mit dazu beitrage, dass junge Menschen noch im Wachstum wegen eines übersteigerten, oftmals Testosteron-, manchmal auch politisch gesteuerten Geltungswahns, sich zu Doping gezwungen fühlen, weil sie sonst keine Chance haben. Zumindest wird es ihnen so eingeredet. Indirekt unterstützt durch zu ehrgeizige Eltern, Trainer und storygeilen Medien.

Also, brauchen wir Olympia überhaupt noch oder sollten wir es zum Besten aller nicht besser in die Tonne klopfen?

Meine Antwort ist so klar so einfach so wichtig so richtig – Ja. Ja, wir  brauchen Olympia. Und Nein, wir sollten es nicht in die Tonne klopfen.

Warum?

Weil ich weiterhin will, dass Menschen wie der Amerikaner Jesse Owens und der Deutsche Luz Long sich kennen und schätzen lernen. Vielleicht ist morgen ja schon ein Iraner und Amerikaner?

Ich möchte selbst nicht auf das verweinte Gesicht von Franziska Hentke verzichten, weil ihre Leistung trotz intensiven Trainings doch nicht für eine Medaille reichte. Oder Michael Phelps, der tatsächlich meinen geliebten Mark Spitz mit (Stand 10.08.2016) 21 Goldmedaillen vom Schwimmerthron gestoßen hat? Siegerehrungen für Menschen, die von der ganzen Welt für ihre Leistung, ihre Ausdauer, ihr Talent unabhängig von Rasse, Geschlecht und Religion gefeiert werden.

Gefeiert wurden.

Diesmal, 80 Jahre nach Jesse Owens, verweigert die Amerikanerin Lilly King der Russin Jefimowa (Silber, überführte Doping-Sünderin) den Handschlag auf dem Siegerpodest. Nicht wegen der Hautfarbe. Sondern wegen des politisch geduldeten Betruges. Auch andere Athleten zeigen ihr die kalte Schulter, das Publikum buht sie aus und sie verlässt die Siegerehrung unglücklich unter Tränen. Keine Ehrung für Doping, egal welche Leistung noch dazu kam.

Das hilft der olympischen Idee. Denn wofür nimmt der Mensch all die Strapazen auf sich? Um anschließend isoliert und ausgebuht die Halle verlassen zu müssen? Oder will er, sie,  doch lieber angefeuert, gefeiert oder im Zweifel mitfühlend getröstet werden?

Erinnert ihr euch an die schmerzhaft anzusehenden Szene mit Andreas Toba, als bei seiner unglücklichen Landung nach einem dreifachen Salto das Kreuzband sowie Innenband riss und er trotz dieser schwerwiegenden, extrem schmerzhaften Verletzung nicht davon abbringen ließ, seine Kür am Pauschenpferd perfekt durchzuführen. Warum er das tat? Etwa für sich oder Thomas Bach? Nein. Er tat das für sein Team.

Denn das ist der olympische, fast vergessene, Gedanke.

  • Füreinander und miteinander zu kämpfen. Sportlich.
  • Länderübergreifend sich zu treffen und kennen zu lernen. Friedlich.
  • Junge Menschen in ihrer Energie zu fördern. Fürsorglich.

Usain Bolt zitierte seinen Eltern zum Thema Doping: „Manchmal müssen die Guten für die Schlechten leiden.“ Ich hoffe sehr, dass sich immer mehr „Gute“ gegen die „Schlechten“ auflehnen, damit diese olympische Gedanken die anderen wieder ablösen.

Brauchen wir also Olympia?

Ja, heute mehr als noch vor einigen Jahren. Wir brauchen einen Platz in der Weltgeschichte, an dem sich alle Länder, auch die verfeindeten, treffen.

Dieses Jahr gab es leider erneut Streitereien, als Israelis und Libanesen nicht in einem Bus zusammen fahren wollten. Auch wenn meiner Meinung nach nicht ein weiterer Bus sondern eine Drohung des Ausschlusses für unsportliches Verhalten nötig gewesen wäre, gibt es trotzdem weiterhin die Möglichkeit, DASS Libanesen und Israelis auf einer Bank nebeneinander sitzen. Und wer weiß, vielleicht freunden sich ja auch 2016 Sportler an wie damals, 1936, der Nazi-Deutsche Luz mit dem Schwarz-Amerikaner Jesse.

Dann noch etwas: Hätten so viele Menschen außerhalb Brasiliens jemals etwas von den Ausmaßen der Probleme gehört, die den Bewohnern tagtäglich zugemutet werden? Aufgrund der Berichterstattung bröckelt der Glanz der Reichen und weckt doch den einen oder anderen auf. Wenn wir alle die Augen offen halten, passiert zwar weiterhin Schlechtes, aber vielleicht weniger.

Olympia und das Zusehen der Welt wird natürlich nicht alles ändern. Richtig. Aber auch ein Tropfen auf dem heißen Stein, ist ein Tropfen, der vielleicht irgendjemanden etwas bedeutet und somit doch geholfen hat. Denn der stete Tropfen höhlt den Stein, auf dem gewissenlose Mächtige sitzen.

Zurück zu der Frage: Ist Olympia noch zu retten?

Ja. Denn es gibt Ideen, die darf man nicht aufgeben. Nicht, wenn sie so gut sind. Doch wie? Hier meine Wunschliste.

  • Am Sichersten wohl, wenn ALLE Verantwortlichen des IOC und sonstiger Beziehungsblutgeschwängerten Kommissionen ihren Posten aufgeben müssen. Am besten sofort. Die müssten nicht mal aufräumen.
  • KEINE Teilnahme von Sportlern an Wettkämpfen ohne mindestens 12 nachweislich negative Dopingkontrollen pro Jahr.
  • Die Auswahl der Gastgebenden Länder auf Basis der besten Sozialprogramme für Bewohner und Nachhaltigkeits-NACHWEISEN treffen.
  • OBERGRENZEN für Ausgaben, die nicht den Wettkämpfen und Sportlern dienen (Prunk-Eröffnungsfeiern, Neubauten statt Renovierungen usw.)
  • Medialer und sozialer AUSSCHLUSS von Doping-Sündern und ein Wegnehmen aller Medaillen in der Öffentlichkeit. Also die Verleihung der goldene Himbeere für Sportler einführen.

Ich will weiter an die olympische Idee glauben dürfen (genauso wie an die europäische Idee übrigens). Mir ist es egal, wenn Politiker oder Medien meinen, alles in den Dreck ziehen zu müssen. Es ist meine Pflicht als mündiger Bürger, mir eine eigene Meinung zu bilden und sie auch nach außen zu tragen.

Lilly King hat gesagt: „Ich bin stolz, sauber zu schwimmen …“. Das muss das Ziel und die Pflicht aller Verantwortlichen sein. Eine Pflicht, an der sie gemessen werden müssen. Für die Gesundheit unserer Sportler, unserer Kinder, unserer Zukunft in einer großen Weltgemeinschaft, die so viel mehr Frieden bräuchte. Gegen das Auseinanderdriften derselbigen, gegen Prunksucht auf Kosten der Einfluss-Schwachen und gegen Lug und Betrug auf Kosten der Sportler.

In diesem Sinne werde ich wohl gleich ins Bett gehen müssen. Um 3 Uhr heute Nacht ist Finale der Brustschwimmer. Ich drücke Marco Koch die Daumen. Und wenn er nur „Blech“ gewinnt, werde ich trotzdem stolz auf diesen Sportler sein, der ebenfalls auf seinen Nachtschlaf verzichtet hatte, als er bereits vor Wochen begann, zusätzlich Nachts zu schwimmen, um seinen Körper an die brasilianische Zeit zu gewöhnen.

Vielleicht hängt ja mal ein Bild von ihm oder Michael Phelps über einem Kinderbett. Schöner als die „Transformers“ ist er allemal.

Gute Nacht.

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