Terradisto

terradisto © by Michis Corner, 2016

Es gibt sie. Schon immer. Gestern, heute und morgen werden sie auch noch da sein. Da draußen. Oder besser gesagt, da drinnen.

Hoffentlich.

Ich trage dieses Geheimnis seit so vielen Jahren in mir, dass ich nicht wirklich weiß, wo ich anfangen soll. Oder kann. Was ich alles sagen darf, ohne dass jemand dafür leiden muss.

Ich war gerade mal 10 Jahre alt, als ich das Tagebuch im Keller unseres neuen Hauses fand. Dass es ein Tagebuch war, wurde mir erst klar, als ich die erste Seite aufschlug und es dort in großen Buchstaben stand. Die Schrift war ein wenig schief und sie kippte nach rechts unten ab. Zunächst dachte ich, das liegt an dem linienlosen Blatt. Mir passiert das auch immer, wenn ich unbedacht auf einem leeren Blatt schreibe. Die Buchstaben wurden nach rechts weg immer kleiner, sodass das „H“ in dem Wort war bald nur halb so groß wie das „T“ am Anfang war. Mich hat das Schriftbild direkt gefesselt, denn es war von einer eigenartigen Symmetrie, die ich als das Kind, was ich damals noch war, vielleicht nicht verstand, aber doch als solche erkannte und mich nachdenklich machte.

Ich kannte Tagebücher und Poesiealben, all meine Freundinnen hatten sowas. Sie alle waren gespickt mit Blumen, Herzen oder kleinen, niedlichen Tieren als Motive. Damals wie heute waren Katzen hoch im Kurs. Mit Sicherheit nicht solch präzisen, kleiner werdenden Buchstaben. Denn auch das fiel mir beim genaueren Hinsehen auf: Die Buchstaben verkleinerten sich regelmäßig, fast zielstrebig und das konnte kein Zufall sein. Am Ende des Wortes fand sich auch noch eine Art Punkt, der als Halbkreis gemalt war. Mit der Öffnung nach unten, wie ein Hügel.

Ich mochte klare Figuren schon immer lieber als die Häschen und Puppen meiner Freundinnen. Nur behielt ich das damals lieber für mich. Auch, dass ich lieber im Matsch spielte als mit Barbiepuppen. So was tat man als Mädchen nur heimlich, wie so einiges andere auch. Aber egal, das ist hier gerade nicht das Thema. Es kann allerdings gut sein, dass ich darauf noch einmal zurückkommen muss. Wir werden sehen.

Doch zurück zu dieser Schrift. Mittlerweile berührte ich den Halbkreis schon fast mit meiner Nase, um das Muster besser erkennen zu können. Dieser Halbkreis bestand nämlich nicht einfach aus einer kratzigen Linie sondern aus vielen kleinen, fast filigranen Rechtecken, die wie Mauersteine aneinander gesetzt waren und mich spontan an einen Tunneleingang erinnerten. Oder einen dieser Abwasserkanäle, wie man sie schon mal an den kleinen Bachläufen im Wald sieht. Ich schlug das Buch wieder zu und schaute mir den Deckel an. Er war immer noch tiefschwarz, aber aus den Ecken fluste bereits das graue Innenleben hervor und deswegen hatte ich die Kratzer nicht weiter beachtet. Erst jetzt erkannte ich in den Kratzern einen Halbkreis, der sich in der unteren rechten Ecke fast versteckte. Hmmm.

Sehr neugierig geworden, schlug ich das Tagebuch erneut auf, blätterte aufgeregt zu den nächsten Seiten, sodass die Seiten fast zerknitterten und spürte die Aufregung langsam in einem gelangweilten Klumpen in meinen Magen verschwinden. Was war das denn, etwa eine Geheimschrift?

Ich blätterte mit verschwindendem Interesse weiter und fand auch auf den Folgeseiten nur irgendwelche Abkürzungen, die wie in einem Vokabelheft in einer Reihe mit Punkten und Strichen standen, die mir absolut nichts sagten. Damals.

Mann-o-Mann, war ich enttäuscht. Mir ist zwar noch aufgefallen, dass die Worte jetzt deutlich unordentlicher auf die Seiten geworfen waren, aber meine Gedanken wanderten schon weiter zu den anderen Kisten, die sich hier im Keller stapelten und dich auf Anweisung meiner Mutter heute noch alle zum Müll bringen sollte. Vielleicht verlor sich auch mein detektivisches Interesse, weil sich gerade eine echt dicke Spinne über die Decke auf dem Weg in meine Richtung machte. Erstarrt folgte ich ihrem hektischen Lauf und, langer Rede, kurzer Sinn, ich verschwand so schnell wie möglich aus diesem Keller. Allerdings noch mit dem Tagebuch in der Hand, weswegen es nicht auf den Müll sondern in meinem Zimmer landete und ziemlich schnell in der hinteren Ecke meiner Schreibtisch-Schublade verschwand.

Erinnerst du dich noch daran, wie stolz ich auf diesen Schreibtisch war? Er hatte dunkelrote Stahlbeine, nur ganz wenig zerkratzt und die Schubladen waren ebenfalls in dunkelrot lackiert. Nur die Tischplatte bestand aus dem üblichen, langweiligen Kiefernholzfurnier.  Es  war mein erster, eigener Schreibtisch. Mama hatte sich bei Papa durchgesetzt und ihn für mich in einem großen Möbelgeschäft gekauft. Wohl auch deshalb, weil sie mich nicht in dem Gymnasium angemeldet hatte, auf das ich unbedingt wollte. Stattdessen sollte ich in die Realschule um die Ecke gehen. Da halfen auch die aufmunternden Worte der Lehrer nicht. Die Entscheidung wurde ohne mich getroffen, die Realschule war gesetzt. Jahre später sah es schon anders aus, als du vor der Entscheidung Gymnasium oder nicht standst, und genau diesen Schreibtisch, wenn auch deutlich abgegriffener, bekommen würdest.

Aber ich greife vor,  jetzt hattest du noch keinen Schreibtisch, denn du warst erst 6 Jahre alt und auch wenn unser neues Kinderzimmer riesig im Vergleich zu vorher war, mit zwei großen Schreibtischen hätten wir keinen Platz mehr zum Spielen gehabt. Wir brauchten den Boden für all die Legosteine, mit denen wir riesige Häuser, Pyramiden, Pferdeställe und Schlösser bauten. Der Vergleich hinkt zudem, denn wir hatten vorher gar kein wirkliches Kinderzimmer. Das Eltern-Schlafzimmer war unser Kinderzimmer, denn wir wohnten zu viert in einer kleinen Zweizimmer-Dachwohnung, bis Papa endlich das neue Haus samt Werkstatt und Büro im Erdgeschoss für seine Glaserei gefunden hatte. Zwischen unserem Etagenbett und dem Bett von Mama und Papa war kein Platz für einen auch noch so kleinen Schreibtisch. Ich musste meine Hausaufgaben also entweder am Küchen- oder Wohnzimmertisch machen. Immer lieber am Wohnzimmertisch, denn dort stand ein kleiner Fernseher in der Nähe. Mein Gott, damals gab es gerade mal drei Programme, alles in schwarz/weiß und einen Sendeschluss!

Den Fernseher hatte ich trotzdem fast nie angemacht. Ich las viel lieber Bücher, je dicker, desto besser. Mama hat mir nie wirklich geglaubt, dass ich die Schulbücherei schon mindestens einmal durch hatte. Doch es war so und in meiner Verzweiflung habe ich einige Bücher doppelt oder sogar dreifach gelesen. Bis auf die Schulbücher natürlich. Aber die entführten mich auch nicht in spannende Abenteuer oder ferne Länder.

Am Küchentisch unserer Zweizimmer-Dachwohnung war es schön hell und der Stuhl war auch deutlich bequemer als im Schneidersitz über dem tiefen Wohnzimmertisch gebeugt zu schreiben. Wenn man in die Küche rein kam, fand sich links unter der Dachschräge mein Schulranzen, ein wenig gequetscht zwischen Putzzeug und dem Stuhl, auf dem Papa immer am Esstisch saß. Geradeaus war das Dachflächenfenster, durch das ich so gerne den blauen Himmel, die wandernden Wolken oder auch mal den Regen beobachtete, der so herrlich laut auf das Fenster klatschte, dass wir uns manchmal anschreien mussten, wenn wir uns verstehen wollten.  Wir haben deswegen viel gelacht. Auf der rechten Seite stand der Herd mit den vier gusseisernen Platten, auf dem ich mir, wenn Mama im Büro bei Papa war und du im Kindergarten, mein Mittagessen in dem weißen Henkelmännchen aufwärmte. Dann noch ein kleiner Küchenschrank, die Spüle und das war es schon. Ich denke, für Mama war es ganz schön schwierig, uns in dieser kleinen Küche zu bekochen. Im neuen Haus mit der riesige Küche und der roten Eckbank war das deutlich einfacher. Trotzdem, ich habe die frechen Regentropfen zwischen unserem lauten Lachen schon ein wenig vermisst.

Das ganz große Plus an dem neuen Haus war natürlich der riesige, verwilderte Garten und Mama und Papa haben endlich ihr Versprechen eingehalten und wir durften eine Katze haben. Tiefschwarz, verwildert wie der Garten selbst und unumstrittene Königin in ihrem Reich. Auch wenn ich meine Freunde vermisste, dieser Garten war voller unentdeckter Ecken und aus heutiger Sicht meine zukünftige Vergangenheit. Oder vergangene Zukunft. Oder auch nichts davon, denn wenn ich dieses Tagebuch nicht gefunden, nicht in die mittlere Schublade meines Schreibtisches gestopft und nicht nach vielen Monaten wieder hervorgeholt hätte, müsste ich dich heute, 30 Jahre später, nicht um dein Vertrauen bitten, mir zu helfen. Zoe zu helfen.

Warum ich das Büchlein damals nicht gedankenlos in den Papierkorb geworfen habe, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, ich wollte die paar wenigen, beschriebenen Seiten rausreißen und den Rest für eigene Notizen missbrauchen.  Ich konnte mich noch schwach an die vielleicht 10 Seiten erinnern, die mit den komischen Punkten und Strichen beschrieben waren.

Die Betonung liegt hierbei auf „waren“. Denn nachdem ich das Tagebuch aus der Schublade heraus gefischt und aufgeschlagen hatte, fand ich deutlich mehr als 10 beschriebene Seiten.

Ich stutzte kurz und nur langsam wurde mir klar, dass sich an die Striche und Punkte jetzt ganze Seiten voller Worte anschlossen. Ich war nicht darauf eingestellt, Worte und Sätze zu finden, geschweige denn sie zu erfassen. Ich wollte nur die 10 Seiten raus reißen. Automatisch zählte ich die vollgeschriebenen Blätter mit und kam auf genau 48 Seiten. Die Handschrift war ähnlich wie meine und kurz blitzte ein Bild von mir auf, wie ich auf einem staubigen Boden lag und die Seiten beschrieb. Was natürlich Quatsch war. Ich hatte das Buch in den letzten zwei Jahren in der Schublade vergessen und nicht angefasst.

Dass du spontan zu einem Wunderkind mutiert bist und heimlich wilde Geschichten fabrizierst, war ebenfalls nicht wirklich wahrscheinlich. Selbst an Mama oder Papa habe ich gedacht. Als wenn die abends nach der Arbeit im Geschäft für so etwas Kraft gehabt hätten.

Oder ob ich schlafschrieb statt schlafwandelte? Ich war versucht, auch das als Möglichkeit zu erwägen, denn was nicht möglich ist, kann nicht sein. Ich glaube nicht an Märchen und an unlösbare Rätsel schon mal gar nicht. Also fing ich an zu lesen. Was blieb mir auch anderes übrig? Doch glaube mir, Schwesterherz, ich bekam echte Angst.

Erinnerst du  dich noch an meine Gute-Nacht-Geschichten damals? Als ich dir von Schlössern und Burgen unter meiner Bettdecke erzählte? Von all den Festen darin und dass du bald dazu kommen darfst, halt nur nicht diese Nacht oder die folgenden, weil ich noch nicht das Mittel gefunden habe, um dich auf die nötige Größe schrumpfen zu lassen.  Oder dich vor dem Prinzen zu schützen.

Nicht alles davon war ausgedacht.

Stopp, stopp, keine Panik, ich bin nicht verrückt geworden, natürlich gab es keine Schlösser und Burgen unter meiner Bettdecke. Oder Feste mit Prinzessinnen. Doch in meinen Geschichten steckte immer auch ein kleines Körnchen Wahrheit. Die Saat sozusagen, aus der Geschichten entstehen und die gemeinsame Schnittstelle zwischen Realität und Traum bildet. So auch in dieser.

Denn es gab eine kleine, unter einer Decke versteckte Welt. Nein, nicht unter meiner Bettdecke, aber in unserer Welt. Mit Erwachsenen, Kindern, Tieren und Naturgesetzen, denen sie unterworfen waren.

Ja, es gab auch Burgen, wenn auch nicht solche Schlossartigen Burgen wie die, zu denen wir als Kinder im Siebengebirge wandern mussten, sondern welche aus Sand.

Nein, nicht wie die Sandburgen in Belgien am Strand, aber ähnlich, denn die Meere spielen dort sehr wohl eine Rolle, eine große sogar. Vor dieser Gegend hatte ich am allermeisten Angst. Nicht nur ich und das zu Recht.

Ich weiß, das hört sich alles sehr verworren an, aber lass mir noch ein bisschen Zeit. Ich muss gut überlegen, wie ich dir all das erklären kann, was ich gesehen und getan habe, ohne dass du mich für verrückt hältst. Es ist wichtig, dass du mir glaubst, denn ich brauche deine Hilfe, damit ich Zoe und den anderen helfen kann. Zoe ist übrigens die, die das Tagebuch geschrieben hat und das bis heute. So sind wir seit nunmehr fast 30 Jahren in Kontakt geblieben.

Ich sehe förmlich die Fragezeichen auf deiner Stirn und jetzt fängt es an kompliziert zu werden. Zoe war nie in unserem Haus und auch nie in unserem Zimmer, um weiter in diesem Tagebuch zu schreiben. Genauso wenig wusste sie, dass es zwei Jahr lang in meiner Schreibtischschublade verstaubte. In ihrer Welt lag das Tagebuch versteckt unter einem Bett aus Draht in einem Raum aus verschiedenen Erdschichten.

Schwesterherz, wie kann ich dir all das nur erklären, ohne dass du heimlich meinen Alkoholkonsum kontrollierst?

Am besten fang ich wohl damit an, was ich damals, im Herbst 1980, in diesem kleinen Büchlein aus meiner Schreibtisch-Schublade nach den langweiligen Punkt-Strich-Seiten las.

 

Fortsetzung folgt (Short & Long Stories).

 

FacebookmailFacebookmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.