Würde statt Bürde

© by Michaele Körner, August 2015

Neulich, bei einem Open Air Konzert, sah ich sie, die Frau in Pink. Und wenn ich Pink sage, meine ich Pink. Also pinkes Haar, pinkes T-Shirt, pinker Aufdruck „Top-Modell auf Rente“ auf einer Jacke über einer pink-bunten Hose. Geschätztes Alter? 60. Oder so. Und die Frau in Pink rockte. Und schwang die Hüften. Und warf die Beine, als wenn sie erst 20 oder Funkemariechen wäre.

Ist das jetzt Jugendwahn oder einfach würdelos? Oder abnormal? Oder …. Lebenlust?

Diese Gedanken huschten durch mein Hirn in exakt dieser Reihenfolge. Ohne Rücksicht darauf, dass wohl auch ich unter diesen in allen Foren, Zeitschriften oder dem ach-so-seriösem Fokus zitierten „Jugendwahn“ falle. Natürlich absolut würdevoll. Ob das jetzt in Pink ist oder in Schwarz, mit High Heels oder in Turnschuhen. Wie Pabst Franziskus schon sagte „… wer bin ich, um über sie zu richten?“

Die Dame in Pink war übrigens vor dem Haupt-Akt weg. Ich nicht.

Der Hauptakt war „Völkerball“, nicht Völkerball. Verwirrt? War ich auch, als mein Liebster mich voller Begeisterung zu dieser offiziell besten Coverband von „Rammstein“ einlud. „Rammstein“? Das sagt dem einen oder anderen wahrscheinlich was. Im Zweifel bitte ich euch, bei YouTube nachzuhören oder die eigenen Kinder zu befragen. Letzters bitte unter Vorbehalt, sowas hat erpresserisches Potential.

Mir sagte „Rammstein“ sehr wohl was, da ich diese Art von Musik bei meinen Kindern unter Zensur gestellt hatte. Der Texte wegen. Und da stand ich also, würdelos dem Schickssal ergeben, zwischen unendlich vielen jungen Menschen. Die meisten in Schwarz, mit obligatorischen Tattoos, wilden Haaren, dicken Stiefel und der totalen Begeisterung im Gesicht. Ein waschechter Punk mit 3 pinken Eisbergen statt Haare auf dem Kopf rockte bereits bei der Vorband in einem ähnlichen Tanzstil wie die Dame in Pink über die Wiese. Und das zu der sogenannten SCAR-Musik. Recht poppig, Gitarren und Trompeten. Musik überwindet halt alle Grenzen.

Passend zu „Völkerball“ verdunkelte sich der Himmel, die Bäume blähten sich im aufkommenden Wind auf und die Bühne explodierte vor unbändiger Kraft. Feuer. Rhythmus. Testosteron. Harmonien. Ein einziges Energiegebilde, dem man nicht entkommen konnte. Die Menschenmenge rockte textsicher mit und ich ertappte mich hüfteschwingend zu einer Musik, die doch gar nicht meine ist. Schlimmer noch. Als das Schlauchboot mit dem Keyboarder über die Menge geschoben wurde, konnten es meine Finger nicht erwarten, auch Teil dieser Welle zu sein, die das Boot weiter trug. Meine Fingerspitzen genügten vollauf, um den Schwung weiter zu reichen und vielleicht hätte auf einem Konzert wie diesem der RWE-Vorstand rechtzeitiger begriffen, dass alternative Energien um ein vielfaches effizienter sind.

Nein, ich bin auch weiterhin kein Völkerball-Fan. Aber ich bin ein Fan von Lebenslust. Das bin ich diesem Leben nämlich schuldig. Denn ich muss nicht in Würde altern sondern das Leben als Geschenk würdigen. Und gleich morgen rufe ich meinen Friseur an. Grün wäre doch nett. Nächstes Wochenende ist nämlich das Green Juice Festival. Bis dahin und hört bitte nie auf zu rocken.

Ende

 

Foto: Homemade

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1 Gedanke zu „Würde statt Bürde

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